Siebenter Vortrag
In dieser äußerlichen Nebeneinanderstellung von Erkenntnisstätte und Heilstätte ist auch das äußere Bild vorhanden, wie innerlich nebeneinander stehen sollen die anthroposophische Erkenntnis und die Praxis des Heilens - aus einer solchen Geistesart heraus, wo aus einer Anschauung des kranken Zustandes des Menschen auch herauswachsen soll die Anschauung des Therapeutischen, des Heilens, so daß beide nicht auseinanderfallen, sondern daß sich der diagnostische Prozeß fortsetzt in den Heilprozeß hinein. So strebt Anthroposophie an, daß man, indem man die Diagnose ausführt, in der Erkenntnis dessen, was im Menschen geschieht, wenn er im kranken Zustande ist, zugleich anschaut: da geschieht dies im Menschen, geschieht dies im Abbauprozeß, geschieht jenes im Aufbauprozeß. Man erkennt dann die Natur zum Beispiel in Vorgängen, wo Abbaukräfte wirken; man weiß, wo Abbaukräfte vorhanden sind, und indem man diese im Heilmittel verwendet, ist man in die Lage gesetzt, so zu wirken, daß diese Abbaukräfte einem Aufbauprozeß im Menschen entgegenarbeiten können. Und umgekehrt. So durchschaut man in dem, was im Menschen vor sich geht, den kranken Zustand; aber indem man den kranken Zustand hat, schaut man zugleich in das Wesen der Wirkung des Heilmittels hinein.
Cite:
GA 319/1924-07-17/p030 · edition original