Achter Vortrag
Lassen Sie uns, damit wir das im einzelnen erörtern können, einmal etwas im Detail betrachten. Nehmen wir die Nerven-Sinnesorganisation. Ich möchte, damit ich nicht mißverstanden werde, hier etwas einfügen. Ein sehr übelwollender Naturforscher hat, indem er ganz oberflächlich gehört hatte von dieser Gliederung, die ich der menschlichen Natur zugrunde legte, gesagt, ich hätte zu unterscheiden versucht zwischen Kopforganisation, Brustorganisation und Uhnterleibsorganisation: ich hätte gewissermaßen also die Nerven-Sinnesorganisation in den Kopf konzentriert, die rhythmische Organisation in die Brust und die Stoffwechsel-Gliedmaßenorganisation in den Unterleib. Aber das ist natürlich eine ganz übelwollende Auslegung. Denn wenn man nicht räumlich abtrennt, dann ist in der menschlichen Organisation das Nerven-Sinnessystem im Kopf hauptsächlich organisiert, aber es ist ebenso in den beiden anderen Systemen zu finden. Die rhythmische Organisation ist vorzugsweise in der Mittelorganisation des Menschen lokalisiert, aber sie ist wieder im ganzen Menschen ausgebreitet. Und ebenso ist die Stoffwechselorganisation überall im Menschen zu finden. Da handelt es sich nicht um eine Unterscheidung nach räumlich voneinander zu sondern den Organen, sondern um etwas, was man qualitativ erfassen muß, und was in den einzelnen Organen lebt und sie durchdringt. - Wenn man, von dieser Auffassung ausgehend, die Nerven-Sinnesorganisation studiert, so findet man sie durch den ganzen Organismus ausgebreitet. Nur ist zum Beispiel das Auge oder das Ohr so organisiert, daß es am intensivsten die Nerven-Sinnesorganisation enthält, weniger stark die rhythmische und noch weniger stark die Stoffwechselorganisation. Ein Organ wie zum Beispiel die Niere hat nicht so viel von Nerven-Sinnesorganisation in sich wie das Auge oder das Ohr, aber es hat auch Nerven-Sinnesorganisation, es hat mehr rhythmische, mehr Stoffwechselorganisation, aber es hat alle drei Glieder der menschlichen Organisation in sich. Und man versteht den Menschen nicht, wenn man ihn so schildert, daß man sagt: hier sind Sinne, dort Verdauungsorgane. So ist es ja nicht. In Wirklichkeit verhält es sich ganz anders. Ein Sinnesorgan ist nur hauptsächlich Sinnesorgan; jedes Sinnesorgan ist auch in einem gewissen Sinne Verdauungsorgan und rhythmisches Organ. Ein Organ wie die Niere oder die Leber, ist nur im hauptsächlichsten Sinne Ernährungs- oder Ausscheidungsorgan; in einem untergeordneten Sinne ist es auch Sinnesorgan. Wenn wir daher von der Nerven-Sinnesorganisation — ihrer Realität nach, nicht nach den phantastischen Begriffen, die sich die Physiologie sehr häufig macht — hinschauen auf die ganze Organisation des Menschen mit den einzelnen, spezifizierten Organen, so finden wir, daß der Mensch durch die einzelnen Sinne — Sehsinn, Geruchssinn, Gehörsinn und so weiter — die Außenwelt wahrnimmt; aber wir sehen, wie der Mensch ganz von Sinnesorganisation durchdrungen ist. Die Niere ist zum Beispiel ein Sinnesorgan, das in feiner Weise das wahrnimmt, was im Verdauungs- und Ausscheidungsprozeß sich vollzieht. Ebenso ist die Leber in gewisser Beziehung Sinnesorgan; das Herz ist sogar in einem hohen Grade innerliches Sinnesorgan, und erst dann versteht man es, wenn man es so auffaßt.
Cite:
GA 319/1924-07-21_02/p015 · edition original