Erster Vortrag
Ich möchte zu den Worten, an die freundschaftlicherweise von Dr. Stein eben erinnert worden ist, ein anderes hinzufügen, das ich im Beginne der Neunzigerjahre aussprechen musste, als ich vom Frankfurter Freien Hochstift aufgefordert wurde, einen Vortrag über Goethes Naturwissenschaft zu halten. Ich sagte dazumal in der Einleitung, dass ich mich darauf beschränken müsse - in den Neunzigerjahren des vorigen Jahrhunderts war es gewesen -, mehr über die Beziehungen Goethes zur organischen Naturwissenschaft zu sprechen. Denn dasjenige, was Goethe’sche Weltanschauung ist, heute schon hineinzutragen etwa in die physikalische und chemische Anschauung, das ist schier eine Unmöglichkeit, weil einfach die Physiker und Chemiker heute dazu verurteilt sind, durch alles das, was in Physik und Chemie lebt, das von Goethe Ausgehende geradezu als eine Art Unsinn anzusehen, als etwas, wobei sie sich nichts vorstellen können. Und ich meinte damals, man müsse abwarten, bis Physik und Chemie durch ihre eigene Forschung gewissermaßen geführt werde einzusehen, wie der Grundbau ihres wissenschaftlichen Strebens sich selber ad absurdum führt. Dann werde die Zeit gekommen sein, wo auch auf dem Gebiet der Physik und Chemie Goethe’sche Ansichten Platz greifen können.
Cite:
GA 320/1919-12-23/p006 · edition original