Siebenter Vortrag
Aber auch wenn so dasjenige, was geistig-seelisch ist, bewußt herausgezogen wird aus dem physischen Leib, stellt sich ja dann ein anderes ein. Es stellt sich das ein, daß dann der Mensch wiederum eine Verbindung herstellen muß mit dem physischen Leib, die jetzt auch bewußter werden muß. Ich habe heute morgen gesagt, es darf nicht das Pathologische eintreten, daß der Mensch gewissermaßen nur egoismusbehaftet, nicht liebend, untertaucht in seinen physischen Leib, denn dadurch ergreift er in falscher Weise seinen physischen Leib. Auf naturgemäße Weise, so sagte ich, ergreift ja der Mensch seinen physischen Leib, indem er zwischen dem siebenten und vierzehnten Jahre diesem Leib den Liebesinstinkt einprägt. Aber gerade auch dieses naturgemäße Einprägen des Liebesinstinktes kann pathologisch verlaufen. Dann stellen sich eben diejenigen Schäden heraus, die ich als die pathologischen Zustände heute morgen geschildert habe. Das allerdings konnte auch den Schülern der alten orientalischen Weisen passieren, daß, wenn sie heraußen waren aus ihrem physischen Leib, sie nicht wiederum die Möglichkeit fanden, das Geistig-Seelische in der rechten Weise mit diesem physischen Leibe zu verbinden. Da wurde eine andere Vorsichtsmaßregel gebraucht, eine Vorsichtsmaßregel, auf die ja die Psychiater, manche wenigstens, zurückgekommen sind, indem sie Menschen, die an Agoraphobie oder dergleichen erkrankt sind, zu heilen hatten. Das sind Waschungen, kalte Waschungen. Das sind durchaus physische Maßregeln, die da zu ergreifen sind. Und wenn Sie hören, daß in den orientalischen Mysterien - das sind die Initiationsschulen, die Schulen, die zur Inspiration führen sollten — auf der einen Seite die Vorsichtsmaßregel der Anlehnung an den Guru gebraucht worden ist, so hören Sie auf der andern Seite von allem möglichen, was an Vorsichtsmaßregeln durch kalte Waschungen und Ähnliches angewendet worden ist. Versteht man die menschliche Natur so, wie man sie durch Geisteswissenschaft verstehen kann, dann versteht man auch dasjenige, was sonst ziemlich rätselhaft klingt in diesen alten Mysterien. Geschützt wurde der Mensch davor, daß er durch eine mangelhafte Verbindung seines Geistig-Seelischen mit dem Physischen ein falsches Raumgefühl bekam, ein falsches Raumgefühl, das ihn zu Platzfurcht und Ähnlichem treiben konnte, das ihn auch dazu treiben konnte, nun nicht in der regelrechten Weise seinen sozialen Verkehr mit dem andern Menschen zu suchen. Das ist ja eine Gefahr, aber eine Gefahr, die vermieden werden kann und soll und muß bei jeder Anleitung zur höheren Erkenntnis, das ist eine Gefahr, weil, wenn der Mensch auf diese Weise den Weg zur Inspiration sucht, wie ich es beschrieben habe, er dann in einer gewissen Weise ausschaltet die Wege der Sprache, des Denkens zum Ich, zu dem andern Menschen, und er dann, wenn er in krankhafter Weise sein Leibliches verläßt, auch wenn es nicht zum Zwecke einer höheren Erkenntnis ist, sondern wenn es nur herausgefordert ist durch pathologische Zustände, er dann abkommen kann davon, den Wechselverkehr mit den andern Menschen in der richtigen Weise zu pflegen. Er kann dadurch dann geradezu das, was sich in normaler, ja in zweckentsprechender Weise entwickelt durch geregelte Geistesforschung, er kann das abnorm pathologisch entwickeln. Dann stellt er eine Verbindung des Geistig-Seelischen mit seinem Leibe her, so daß er sich so egoistisch in seinem Leibe fühlt durch ein zu starkes Untertauchen in seinen Leib, daß er den Verkehr mit andern Menschen hassen lernt und er ein unsoziales Wesen wird. Man kann oftmals in recht fürchterlicher Weise die Folgen eines solchen pathologischen Zustandes in der Welt kennenlernen. Ich habe ein merkwürdiges Menschenexemplar dieser Gattung kennengelernt, ein Menschenexemplar, welches aus einer Familie stammte, die neigte zu einem gewissen Freiwerden des Geistig-Seelischen vom Physischen, die auch Persönlichkeiten in sich schloß -— eine lernte ich auch sehr genau kennen -, die den Weg in die geistigen Welten hinein suchten. Aber gewissermaßen ein entartetes Individuum dieser Familie bildete dieselbe Tendenz in krankhafter, pathologischer Weise aus und kam zuletzt dazu, überhaupt nichts mehr an den eigenen Leib herankommen zu lassen, was irgendwie von der Außenwelt her an diesen Leib herankommen wollte. Essen mußte dieser Mensch wohl, aber — wir reden ja unter erwachsenen Menschen — waschen tat er sich mit seinen eigenen Ausscheidungen, weil er Furcht hatte vor jedem Wasser, das von der Außenwelt kam. Und was er sonst zu tun pflegte, um sich ganz und gar abzuschließen, das mag ich nun doch nicht schildern, was er alles tat, um diesen Leib abzusondern von der Außenwelt, um sich ganz und gar zu einem antisozialen Wesen zu machen, was er alles tat, weil sein Geistig-Seelisches zu tief eingetaucht war in die Leiblichkeit, weil es zu stark, zu intensiv verbunden war mit dieser Leiblichkeit.
Cite:
GA 322/1920-10-02/p009 · edition original