Sechzehnter Vortrag
Nun handelt es sich aber darum, die Frage zu beantworten: Ist denn in diesem gewöhnlichen Leben, das wir führen nach unserer Geburt, wenn wir schon zum vollen Bewußtsein gekommen sind, gar keine Andeutung mehr darauf zu finden, wie der Zusammenhang mit den kosmischen Kräften ist? Wenn wir den menschlichen Wechselzustand zwischen Wachen und Schlafen betrachten, so finden wir bei dem heutigen Kulturmenschen zwar noch, daß er einen solchen Wechsel eintreten lassen muß zwischen Wachen und Schlafen, aber Sie wissen ja alle sehr gut, daß er diesen Wechsel, obwohl er in seiner Zeitenfolge zur Erhaltung der menschlichen Gesundheit durchaus übereinstimmen muß mit dem natürlichen Wechsel von Tag und Nacht, heute heraushebt von demjenigen, was der Naturlauf ist. In den Städten läßt man das ja nicht mehr zusammenfallen, auf dem Lande bei den Bauern ist es doch noch da. Gerade dadurch sind diese in ihrer besonderen seelischen Konstitution, daß sie die Nacht durchschlafen und den Tag durchwachen. Wenn der Tag länger und die Nacht kürzer wird, schlafen sie weniger; wenn die Nacht länger wird, schlafen sie länger. Aber das sind schließlich doch Dinge, die nur zu vagen Vergleichen führen können, auf die sich keine klare Anschauung aufbauen läßt. Wir müssen schon nach etwas anderem fragen, wenn wir das Hereinragen desjenigen, was Weltverhältnisse sind, in die menschlichen subjektiven Verhältnisse ins Auge fassen wollen, um dadurch etwas herauszufinden im menschlichen Inneren, was uns auf absolute Bewegungen im Weltenall hinweisen kann.
Cite:
GA 323/1921-01-16/p012 · edition original