Vierter Vortrag

GA 325/1921-05-24/p029 ·1921-05-24 · original (original)
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Nun, wenn diese Energienlehre, dieses Gesetz von der Konstanz der Energie, das heute die ganze Naturwissenschaft beherrscht, richtig wäre, dann gäbe es keine Freiheit, dann wäre jede Idee von Freiheit eine bloße Illusion. Daher wurde auch für die Anhänger des Gesetzes von der Konstanz der Energie die Freiheit immer mehr eine Illusion. Stellen Sie sich nur einmal vor, wie solche Leute, wie zum Beispiel Wundt, die Freiheit, die man denn doch fühlt, erklären. Wenn ich, sagen wir, der Esel des berühmten Buridan bin zwischen zwei Bündeln Heu, links und rechts, die gleich groß und gleich schmackhaft sind, so müßte ich, wenn ich frei wäre, also wenn ich nicht nach der einen oder anderen Seite gedrängt würde, verhungern, da ich mich nicht entschließen könnte. Wenn ich nicht bloß zwischen zwei solchen Dingen zu entscheiden habe, sondern zwischen vielen, so werde ich, meinen solche Psychologen, dennoch getrieben, aber weil so viele Begriffe da sind, die ineinanderschießen, was da im Inneren mich besessen macht und was da durcheinanderarbeitet, so entscheide ich mich zuletzt und bekomme, weil ich nicht überschauen kann, was mich eigentlich dazu nötigt, das Gefühl der Freiheit. Ja, es ist nicht lächerlich, es ist wirklich aus dem Grunde nicht lächerlich, weil das, was ich Ihnen jetzt gesagt habe - ich habe gar nicht erwartet, daß man zu lachen beginnt -, in zahlreichen sehr gelehrten Werken steht als eine große Errungenschaft des modernen Denkens, das aus der Naturwissenschaft heraus geboren ist; also es ist eigentlich der Wissenschaft gegenüber unanständig, über so etwas zu lachen. Nun, sehen Sie, die Freiheit wäre eben unmöglich, wenn das Gesetz von der Erhaltung der Kraft wahr wäre. Denn dann wäre ich in irgendeinem Augenblick durch alles Vorhergehende bestimmt, die Energien wandelten sich bloß um, die Freiheit müßte eine bloße Illusion sein. Das ist nämlich eingetreten aus der Entwickelung der Menschheit heraus im 19. Jahrhundert, durch die Aufstellung des Gesetzes von der Konstanz der Energie, daß wir eine Naturanschauung haben, die die Freiheit als eine Idee ausschließt, unmöglich macht, die den Menschen unbedingt zu einem Produkt der notwendigen Naturordnung macht. Die Dinge waren schon vorbereitet, ich möchte sagen, man hat schon seit Jahrhunderten so empfunden. Wie soll es denn da werden mit den Dingen, wie sittliche Verantwortlichkeit, Ethik, religiöse Überzeugung, die ja doch eigentlich gar nicht da sein können, wenn es eine bloße Naturordnung gibt? Die Materialisten des 19. Jahrhunderts, sie waren in einer gewissen Weise ehrlich, sie haben daher abgeleugnet diese ethischen Illusionen der alten Zeit und haben den Menschen wirklich nur für ein Produkt der natürlichen Nötigung erklärt. Aber das konnten andere nicht mitmachen, teilweise deswegen nicht, weil sie nicht die Courage hatten, wie David Friedrich Strauf? oder Vogt, oder teilweise auch deshalb nicht, weil sie Pfründen hatten, innerhalb welcher sie verpflichtet waren, von Freiheit, Ethik, Religion zu reden. Da kann man nicht eingehen auf solche Dinge. Die Sache war schon seit langer Zeit mißlich geworden, und daher kam es so, daß man sich sagte: Ja, mit Wissenschaft, mit der ist nur etwas gegenüber der Notwendigkeit zu machen. Diese Wissenschaft beweist, daß die Welt aus einem Urnebel herausgekommen ist und immerfort jeder folgende Zustand notwendig sich aus dem früheren entwickelt hat, daß dabei die Kräftesumme konstant geblieben ist und so weiter, mit dieser Wissenschaft, da ist nichts anzufangen gegenüber Ethik, Religion und so fort. Also los von dieser Wissenschaft! Nichts mit Wissenschaft, nur Glaube! Man muß eine doppelte Buchführung haben, auf der einen Seite für die Außenwelt, für die natürliche Welt: die Wissenschaft; auf der anderen Seite den Glauben, der nun die Ethik feststellt, sogar den Gott beweist. Also retten wir uns auf ein ganz anderes Gebiet als das der Wissenschaft.

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