Erster Vortrag

GA 326/1922-12-24/p020 ·1922-12-24 · original (original)
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Denken wir das Geistgebiet so weit ferne von der menschlichen Erkenntnis, daß selbst die Mathematik nur in stammelnden Symbolen sich ihm nähern kann - so sprach es 1440 Nikolaus Cusanus aus; denken wir das Mathematische so stark und so sicher, daß es das Sinnliche bezwingt und in mathematischen Formeln die Sinneswelt wissenschaftlich und erkennend zum Ausdrucke gebracht werden kann - so sprach 1543 Nikolaus Kopernikus zu der europäischen Zivilisation. Ein Jahrhundert liegt dazwischen. In diesem Jahrhunderte ist die abendländische Naturwissenschaft geboren worden. Vorher war sie im Embryonalzustand. Und wer verstehen will, was zur Geburt dieser abendländischen Naturwissenschaft geführt hat, der muß seinen Blick einsichtig lenken auf jenes Jahrhundert, das zwischen der «Docta ignorantia und «De revolutionibus orbium coelestium» liegt. Welche Befruchtungen da für das menschliche Seelenleben geschehen, welchen Entsagungen sich das menschliche Seelenleben hingeben muß, das muß studiert werden, wenn man den Sinn der Naturwissenschaft auch heute noch verstehen will. So weit muß zurückgegangen werden. Da muß begonnen werden und nur ein wenig zurückgeschaut werden auf den Embryonalzustand, der allerdings dem Nikolaus Cusanus voranging, wenn man heute noch in der richtigen Weise drinnenstehen will in naturwissenschaftlicher Gesinnung und wenn man richtig sehen will, was Naturwissenschaft der Menschheit leisten kann, wie auch aus Naturwissenschaft ein neues geistiges Leben erblühen kann. Davon, meine sehr verehrten Anwesenden, werde ich dann morgen sprechen.

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