Proletarische Forderungen und Deren Künftige Praktische Verwirklichung

GA 329/1919-03-19/p020 ·1919-03-19 · original (original)
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Was war es denn, was in Anknüpfung an diesen Mehrwert ein so tiefes, empfindungsgemäßes Verständnis hervorrief in der Seele des modernen Proletariers? Es war dasjenige, was den Grundnerv des ganzen modernen Wirtschaftssystems berührte. Was ist Wirtschaft? Wirtschaft, auf deren Grundlage wir alle materiell leben? Was ist Ware, Produktion, Zirkulation, Konsumtion? In diesen Kreislauf des Wirtschaftslebens, in welchem nur Ware zirkulieren sollte, ist in einer gewissen Form seit alten Zeiten, sich abschälend von anderen Formen, dasjenige eingetreten, was man nur dadurch charakterisieren kann, daß man sagt: Innerhalb der modernen kapitalistischen Wirtschaftsordnung lebt weiter die Arbeitskraft des modernen Proletariers in derselben Weise wie eine Ware. Sie wird gekauft, sie wird wie eine Ware getauscht gegen andere Waren. - Das empfindet der moderne Proletarier. Was auch immer in kleinen Brocken geschehen ist, um gewissermaßen seine Aufmerksamkeit abzulenken von dieser Fundamentaltatsache, wir stecken tief drinnen in einem Zusammenhang, in dem die proletarische Arbeit nichts weiter ist als eine Ware. Hier empfindet der moderne Proletarier noch viel mehr, als man eigentlich bisher genötigt war, in theoretischen Worten, selbst in der sozialistischen Wissenschaft, zum Ausdruck zu bringen, hier empfindet der moderne Proletarier das ganze Menschenunwürdige seines Daseins. Er sieht in seinem Dasein nur die Fortsetzung des alten Sklavendaseins, des mittelalterlichen Systems der Leibeigenschaft. Der Sklave wird als ganzer Mensch verkauft; der moderne Proletarier muß, weil er selbst nichts besitzt, auf den Arbeitsmarkt seine Arbeitskraft tragen, die ihm abgekauft wird. Aber kann man denn die Arbeitskraft auf den Arbeitsmarkt tragen, ohne sich selbst hinzutragen? Ist man nicht mit ihr als Mensch so verknüpft, daf? man als Mensch das Schicksal erleidet, das die eigene Arbeitskraft erleidet? Das ist es, worauf es ankommt: Nicht nur eine andere Form der Entlohnung, die nichts weiter ist als ein Kauf von Arbeitskraft als Ware, sondern die Entkleidung der Arbeitskraft von dem Warencharakter im modernen Wirtschaftsleben muß angestrebt werden. Das ist gerade die mehr oder weniger deutlich ausgesprochene Frage des modernen Proletariats: Wie kann es geschehen, daß der Mensch, auch wenn er nichts anderes in den gesellschaftlichen Organismus hineinzutragen hat als seine Arbeitskraft, ein menschenwürdiges Dasein erhält? Was bedeutet es eigentlich, daß seine Arbeitskraft, die in keiner Weise sich vergleichen läßt mit irgendeiner Ware, nicht mehr als Ware ist? Was ist das eigentlich? Das ist die große Lebenslüge: Dasjenige, was nie in Wirklichkeit Ware werden kann, Arbeitskraft, wird im modernen Leben zur Ware gemacht. Dadurch ist das eine experimentierende, eine in die Wirklichkeit hineingeworfene Tatsachenlüge; die muß in Wahrheit umgewandelt werden -, so könnte man radikal die Forderung in diesem Punkte stellen, formulieren.

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Cite: GA 329/1919-03-19/p020 · edition original