Proletarische Forderungen und Deren Künftige Praktische Verwirklichung
Vorerst möchte ich auf folgendes aufmerksam machen. Man kann, wenn so etwas gesagt wird, wie ich heute abend es gesagt habe, immer wiederum eine Art Einwand hören, der darinnen besteht, daß gesagt wird: Ich kann mir nicht gut vorstellen, wie die Dinge sich in Wirklichkeit umsetzen. Und auf der anderen Seite wird verlangt geradezu, daß man nur ja keine Utopie geben soll. Ich glaube schon, daß es eine Zeitlang dauern wird, bis man erkennen wird, dafß dasjenige, was ich heute abend vorgebracht habe, sich zu einer Utopie wirklich verhält, wie sich das Schwarze zum Weißen verhält: es ist nämlich das Gegenteil einer Utopie. Die Dinge hängen ein bißchen zusammen. Dasjenige, was ich sagen wollte, ist eben wirklich nicht anders zu charakterisieren als so, wie ich schon manchem Menschen gesagt habe: Das liegt in der Entwickelungstendenz der nächsten zehn, zwanzig, dreißig Jahre. Und ob wir wollen oder nicht, wir werden es durchführen müssen, entweder durch Vernunft oder durch Revolutionen. Es gibt eben keine Wahl, es nicht durchzuführen, weil die Zeit selbst es will. Und die Entwickelung der Menschheit hat schon zuweilen wirklich Richtlinien, die sie eingeschlagen hat, auch wiederum zurückgemacht scheinbar, und es handelt sich ja natürlich nicht um einen wirklichen Rückweg in frühere Zustände, sondern natürlich ist dann der Rückweg ein Weg zu völlig neuer Gestaltung. Nicht wahr, das weiß man natürlich, dafß das Gewerkschaftsleben, das Genossenschaftsleben, das politische Parteileben in der neueren Zeit Ungeheures geleistet haben und daß dem sehr viel zu verdanken ist. Aber auf der anderen Seite muß man sagen, daß in all den Dingen, die da geleistet worden sind, eben doch irgend etwas Unbefriedigendes, etwas noch nicht Fertiges drinnen stecken muß. Wir stehen heute nicht vor der Überzeugung, daß neue Tatsachen da sind. Aber es ist etwas da in der Tat, was nun endlich in anderer Weise eine Orientierung fordert, als man es bisher gehabt hat! Wenn gesagt wird, ich hätte die Macht der Idee überschätzt - ich habe ja gar nicht von Ideen gesprochen! Ich habe gerade das Gegenteil von dem gesprochen, was man als Macht der Idee bezeichnen könnte. Was habe ich denn eigentlich hingestellt als Forderung? Ich habe hingestellt eine mögliche gesellschaftliche Organisation. Ich habe hingewiesen darauf, wie die Menschen stehen sollen zueinander, damit sie das Richtige finden. Ein Utopist geht eigentlich immer von der Idee aus, so und so solle die gesellschaftliche Ordnung gestaltet sein. Er hält sich im Grunde genommen für gescheiter als alle anderen Leute; auf ihn hat man zu warten, und nachdem er geredet hat, hat man nichts mehr weiter zu reden. Er setzt sich dann, wenn er den Kontakt nicht findet, in seine Dachkammer und wartet. Es fällt mir gar nicht ein, nicht im allergeringsten, weder auf einen Millionär zu warten, noch irgendwie zu glauben, daß ich über diese oder jene Dinge Besseres weiß als ein anderer Mensch.
Cite:
GA 329/1919-03-19/p049 · edition original