Proletarische Forderungen und Deren Künftige Praktische Verwirklichung
Jede Utopie zu vermeiden, das ist dasjenige, was vor allen Dingen anzustreben ist, jeden Glauben auszurotten, daß man mit abstrakten Ideen irgend etwas machen kann. Man kann im sozialen Leben nur etwas mit Menschen machen, die wissen, was sie in der ganz bestimmten Lage, in die sie hineingestellt sind, wollen. Da handelt es sich gar nicht darum, daß heute ein Kampf vorliegt zwischen denjenigen, die noch Besitzlose und Besitzende zu nennen sind. Wenn sie arbeiten, wie das in der Bewegungsrichtung liegt, die ich heute vorgetragen habe, wenn die Besitzenden und die Besitzlosen in der richtigen Weise arbeiten, so wird es zu ihren Gunsten ausschlagen. Wehren sich die Besitzenden, so werden sie ihren Besitz bald verloren haben. Aber darum handelt es sich, daß in den Massen ein Wissen von dem lebt, was geschehen soll. Und sehen Sie, in dieser Beziehung ist es, möchte man sagen, mit sozialen Impulsen noch schlimmer, als mit medizinischen, mit technischen Stoffen. Wenn einer nichts versteht vom Brückenbau, und doch eine Brücke bauen wollte, so würde sie einbrechen. Wenn einer jemanden kuriert, na ja, da kann man meistens nicht nachweisen, ob der Patient gestorben ist trotz der Kur oder vielleicht sogar durch die Kur; da wird die Sache schon sengerig. Und beim sozialen Organismus, da wird die Sache am allermeisten sengerig, da kann man meistens nicht nachweisen, was Heilmittel und was Kurpfuscherei ist, weshalb man meistens im Unbestimmten herumredet. Sehen Sie, ich habe einen Redner gehört, der sprach auch über soziale Dinge; er wollte hauptsächlich beweisen, daß man eigentlich alles andere nicht brauchte, nur den Christus, dann wird alles im sozialen Leben gut. Nun, man soll durchaus nicht meinen, daß eine Debatte darüber nun angefangen werde. Aber ich habe dabei folgendes erlebt. Ich habe mich erinnern müssen an etwas, was ich in meiner Schulbubenzeit, ich glaube fast vor fünfundvierzig Jahren gelesen habe. Da stand: Christus war entweder ein Heuchler oder ein Narr, oder er war dasjenige, als was er sich selber bezeichnet hat: der Sohn des lebendigen Gottes. - Wie gesagt, ich kritisiere nicht, weder nach der einen noch nach der anderen Richtung; ich bemerke nur: Neulich war ich in Bern, und ein Herr hielt dort im Anschluß an die Völkerbundskonferenz eine Rede, in der er sagte, der ganze Völkerbund wird falsch organisiert - daß er falsch organisiert wird, glaube ich ja selber -, aber der sagte, er wird falsch organisiert, wenn man nicht eingeht darauf: Christus war entweder ein Narr, oder ein Heuchler, oder er war der Sohn des lebendigen Gottes, als den er sich selbst bezeichnete. - Kurz, alles das, was vor fünfundvierzig Jahren in meinem Schulbuch stand, das hat der Herr seiner gläubigen Versammlung vorgebracht. Und das ist vor allen Dingen ja zu bemerken: Dazwischen liegt doch eben gerade der Weltkrieg! Die Leute haben, nachdem sie zwei Jahrtausende Zeit gehabt haben, um ihre Dinge der Welt zu bringen, es so weit gebracht, daß trotzdem der Weltkrieg gekommen ist. Weist das nicht alles darauf hin, daß gerade durch den Weltkrieg etwas gelernt werden müsse? Ist es nicht sozial besser und den sozialen Organismus heilend, wenn auch auf sozialistischem Gebiete, auf dem Gebiete des sozialistischen Wissens, durch den Weltkrieg wirklich etwas Neues gelernt wird? Muß man sagen, wir bleiben konservativ bei den alten Ideen stehen, die ja auch in vieler Beziehung durch den Weltkrieg Schiffbruch gelitten haben? Das ist dasjenige, was ich besonders betonen will: Es ist wirklich vorauszusehen gewesen und es ist mir durchaus — ich sage das ohne alle Ablehnung - sehr wichtig, ich bin sehr froh, dafS Dinge gesagt worden sind, wie sie gesagt worden sind. Aber ich möchte doch betonen, daß ja durch das konservative Stehenbleiben, durch das starre Betonen dessen, was man ja gesagt hat durch die Jahrhunderte und was nun gesagt wird seit Jahrzehnten, durch dieses starre Betonen, durch dieses Stehenbleiben in diesem Konservatiiven, viel Schaden in der Welt angerichtet worden ist! Möge der Sozialismus nur ja nicht durch dieses konservative Stehenbleiben auch bei sich Schaden anrichten! Denn dieser Schaden wäre ein sehr, sehr großer, vielleicht ein viel größerer als der, der sonst schon angerichtet worden ist.
Cite:
GA 329/1919-03-19/p055 · edition original