Geisteswissenschaft (Anthroposophie) und die Bedingungen der Kultur in Gegenwart Und Zukunft

GA 329/1919-10-20/p029 ·1919-10-20 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Dasjenige, was als anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft hier gesucht wird in dem, was hier mitgeteilt ist, das wird auf der einen Seite hinaufreichen zu den höchsten Höhen des menschlichen Geistes- und Seelenlebens, auf der anderen Seite aber auch stark genug sein, um hinunterzureichen dahin, wo erfaßt werden müssen die alltäglichsten Einrichtungen des Lebens. Wie ist es denn heute? Das Geistesleben hat allmählich einen ganz abstrakten Charakter angenommen. Denken Sie einmal nach, wie sich die religiöse, die ästhetische, die künstlerische, die Weltanschauungsüberzeugung sagen wir eines Kaufmannes oder eines Industriellen oder eines Staatsbeamten gestaltet. Das ist eine Sache für sich, die er in seiner Seele erlebt. Die reicht in das Kontobuch, oder in dasjenige, was er in seinem Büro tut, nicht hinein. Da werden auf dem Gebiete, wo er seine geistigen Ideen erzeugt, nicht zugleich die Ideen und Impulse geschaffen, die dann in seinem Kontobuch zum Ausdruck kommen. Darauf steht höchstens «Mit Gott»; aber das ist auch alles, wodurch die Tätigkeit, die da drinnen zum Ausdrucke kommt, zusammenhängt mit dem, was er als ein abstraktes Geist- und Seelenleben durch die Welt trägt. Daher aber ist es gekommen, daß, als auftraten in der neueren Zeit Menschen mit guter sozialer Meinung, wie Saint-Simon, Blanc, Fourier, gesagt wurde: Das sind gute moralische Ideen, aber mit guten Meinungen wandelt man die sozialen Zustände nicht um. Das kann man heute überall hören, wo vom sozialistischen Standpunkte aus gesprochen wird. Und man hat Recht. Mit solchen sozialen Ideen, wie sie Saint-Simon, Blanc, Fourier und so weiter hatten, mit denen wandelt man das soziale Leben nicht um, weil sie entsprungen sind aus dem Bewußtsein der Menschen heraus, daß, wenn man über das Geistige denkt und sinnt, dieses Geistige eine Sache für sich ist, das nicht zu gleicher Zeit die Welt erfassen soll. Abstrakt ist zuletzt alles Geistesleben geworden. Auf der einen Seite nimmt der Mensch den Aufschwung religiös oder künstlerisch oder weltanschauungsgemäß in geistige Höhen, wenn er ihn überhaupt nimmt. Auf der anderen Seite überläßt er sich, ich möchte sagen, dem Zufall des Lebens; in der Naturwissenschaft, indem er in Laboratorien, auf der Sternwarte und dergleichen arbeitet, und dasjenige, was er da herausbringt, sei es auf sozialem, sei es auf wissenschaftlichem Gebiete, keinen Zusammenhang mit dem abstrakten Geistesleben hat. Eine Einheit des geistigen und materiellen Lebens will ausgießen anthroposophisch orientierte Geisteswissenschaft über die gesamte menschliche Zivilisation. Und folgen soll aus demjenigen, was ausgebildet wird in dem Menschen dadurch, daß er den höheren Menschen in sich erblickt, zu dem Ewigen aufsteigt, die Möglichkeit, das Ewige, das jenseits von Geburt und Tod für den Menschen liegt, zu ergreifen, aber die Ideen zugleich so stark zu machen, daß sie ins alltägliche Leben eingreifen können. Denn nicht der meint es ernst und wahr mit dem Geiste, der vom Geist redet, sondern der meint es ernst und wahr mit dem Geiste, der den Geist verfolgt bis in sein letztes Hineinziehen in das materielle Dasein, für den gar nichts mehr von geistloser Materie auch in der praktischen Lebensauffassung übrig bleibt. Das ist dasjenige, was man bezeichnen könnte als Kulturbedingungen der Gegenwart und der Zukunft, daß solch geistig-seelisches Bewußtsein die Menschen hätten.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/329/1919-10-20/p029.json
Cite: GA 329/1919-10-20/p029 · edition original