Arthur Schopenhauer
Die Jahre 1781 und 1807 schließen ein Zeitalter harter Kämpfe innerhalb der deutschen Wissenschaftsentwickelung ein. 1781 weckte Kant mit der «Kritik der reinen Vernunft» seine Zeitgenossen aus dem philosophischen Schlummer und gab ihnen Rätsel auf, um deren Lösung sich die Erkenntniskraft der besten Geister der Nation während des folgenden Vierteljahrhunderts bemühte. Es ist eine philosophische Erregung höchsten Grades bei den an diesen Geisteskämpfen Beteiligten zu bemerken. In rascher Folge löste eine Ideenrichtung die andere ab. An die Stelle der seichten Verstandesklarheit, wie sie vor Kant in den Büchern der philosophischen Literatur geherrscht hatte, trat wissenschaftliche Wärme, die sich allmählich steigerte zur hinreißenden Beredsamkeit Fichtes und zu dem poetischen Schwung, mit dem Schelling die wissenschaftlichen Ideen zum Ausdruck zu bringen wußte. Die Betrachtung dieser geistigen Bewegung ergibt das Bild eines unvergleichlichen geistigen Reichtums, aber auch das eines unruhigen hastigen Vorwärtsstürmens. Manches Ideengebilde trat vorzeitig in die Öffentlichkeit. Die Denker hatten nicht die Geduld, ihre Ideen ausreifen zu lassen. Diese unruhige Entwickelung endigte mit dem Erscheinen von Georg Wilh. Friedr. Hegels erstem Hauptwerke, der «Phänomenologie des Geistes», im Jahre 1807. Hegel hat in Jena die letzte Arbeit an diesem Buche in den Tagen getan, als die furchtbaren Kriegswirrnisse des Jahre 1806 über diese Stadt hereinbrachen. Die Ereignisse der folgenden Jahre waren nicht geeignet zu philosophischen Kämpfen. Hegels Buch machte unmittelbar nicht einen solch starken, die Geister zur Mitarbeit herausfordernden Eindruck, wie ihn Fichte und Schelling bei ihrem ersten Auftreten hervorriefen. Aber auch deren Einfluß verlor sich allmählich. Für beide ist die Zeit ihrer Wirksamkeit an der Jenenser Universität die glänzendste ihres Lebens. Fichte lehrte an dieser Hochschule von 1794 bis 1799, Schelling von 1798 bis 1803. Der erstere siedelte von Jena nach Berlin über, weil ihn die von Neidern und Unverständigen erhobene Anklage wegen Atheismus mit der Weimarischen Regierung in Konflikt gebracht hatte. Im Winter 1804/s hielt er in Berlin seine Vorlesungen über die «Grundzüge des gegenwärtigen Zeitalters», in denen er für idealistische Denkungsweise wirkungsvoll eintrat, und im Winter 1807/8 seine berühmten «Reden an die deutsche Nation», die auf die Erstarkung des nationalen Gefühles einen mächtigen Einfluß übten. Als Vorkämpfer nationaler und freiheitlicher Ideen, in deren Dienst er sein Denken und seine Beredsamkeit stellte, erzielte er in dieser Zeit eine kräftigere Wirkung als durch die philosophischen Vorlesungen, die er an der Berliner Universität von deren Errichtung im Jahre 1810 bis zu seinem 1814 erfolgten Tode hielt. Schelling, der nicht den Übergang von der philosophischen zur politischen Wirksamkeit fand, geriet nach seiner Jenenser Zeit bald völlig in Vergessenheit. Er ging 1803 nach Würzburg, 1806 nach München, wo er an dem Ausbau seiner Ideen arbeitete, für die nur wenige noch Interesse zeigten. Am Ende des ersten Jahrzehnts unseres Jahrhunderts ist von der Lebhaftigkeit der philosophischen Diskussion, die Kants revolutionäre Tat hervorgerufen, nichts mehr zu verspüren: Fichtes und Schellings Zeit ist vorüber, Hegels Epoche noch nicht angebrochen. Dieser führt von 1806 bis 1808 als Redakteur einer Bamberger Zeitung und dann bis 1816 als Rektor des Nürnberger Gymnasiums ein stilles Dasein. Erst mit seiner Berufung nach Berlin im Jahre 1818 beginnt sein gewaltiger Einfluß auf das deutsche Geistesleben.
Cite:
GA 33/06_arthur_schopenhauer/p002 · edition original