Arthur Schopenhauer

GA 33/06_arthur_schopenhauer/p009 · original (original)

Als Persönlichkeit, deren Charaktereigentümlichkeiten bereits scharf ausgeprägt waren, die sich auf Grund inhaltsvoller Erlebnisse und einer reichen Weltkenntnis über viele Dinge bereits feste Ansichten gebildet hatte, trat Schopenhauer in das Studium der Philosophie ein. Im Beginne seiner Universitätszeit äußerte er einmal zu Wieland: «Das Leben ist eine mißliche Sache; ich habe mir vorgenommen, das meinige damit hinzubringen, über dasselbe nachzudenken.» Das Leben hat ihn zum Philosophen gemacht. Es hat auch die philosophischen Aufgaben bestimmt, deren Lösung er sich widmete. Hierin unterscheidet er sich von seinen Vorgängern: Kant, Fichte und Schelling, wie auch von seinem Antipoden Hegel. Das sind Philosophen, denen ihre Aufgaben aus der Betrachtung fremder Anschauungen erwuchsen. Kants Denken bekam den entscheidenden Stoß durch Vertiefung in Humes Schriften, Fichtes und Schellings Wirken erhielt durch Kants Kritiken die Richtung, Hegels Gedanken entwickelten sich gleichfalls aus denen seiner Vorgänger. Daher sind die Ideen dieser Denker Glieder einer fortlaufenden Entwickelungsreihe. Wenn auch jeder der genannten Philosophen in den ihn anregenden fremden Gedankensystemen jene Keime suchte, deren Weiterentwickelung gerade seiner Individualität gemäß war, so ist doch die Möglichkeit vorhanden, die bezeichnete Entwickelungsreihe rein logisch nachzuzeichnen, ohne auf die persönlichen Träger der Ideen Rücksicht zu nehmen. Es ist, als ob ein Gedanke den andern hervorgebracht hätte, ohne daß ein Mensch dabei tätig gewesen wäre. Schopenhauer dagegen erwuchsen aus seinen Erfahrungen, aus der unmittelbaren Anschauung menschlicher Verhältnisse und natürlicher Ereignisse, zu der seine Reisen Gelegenheit gaben, eine große Zahl einzelner Zweifel und Rätsel, bevor er wußte, was andre über das Leben des Geistes und das Wirken der Natur gedacht haben. Die Fragen, die ihm durch seine Erlebnisse gestellt wurden, hatten ein durchaus individuelles und oft von Zufälligkeiten abhängiges Gepräge. Deswegen nimmt er auch in der deutschen Philosophie eine isolierte Stellung ein. Er nimmt die Elemente zur Lösung seiner Aufgaben überall her: von Zeitgenossen und von Philosophen der Vergangenheit. Die Frage, warum diese Elemente Glieder eines Gedankengebäudes geworden sind, läßt sich nur durch Betrachtung von Schopenhauers individueller Persönlichkeit beantworten. Fichtes, Schellings, Hegels philosophische Systeme erwecken das Gefühl, daß sie auf das Kantische folgen mußten, weil sie logisch durch dieses gefordert wurden; von dem Schopenhauerschen dagegen kann man sich ganz gut denken, daß es uns in der Geschichte der Philosophie ganz fehlte, wenn das Leben des Schöpfers vor seiner produktiven Zeit durch irgendeinen Zufall eine andre Wendung genommen hätte. Durch diesen Charakter der Schopenhauerschen Ideenwelt ist deren eigentümlicher Reiz bedingt. Weil sie ihre Quellen im individuellen Leben hat, entspricht sie den philosophischen Bedürfnissen vieler Menschen, die, ohne ein besonderes Fachwissen zu suchen, doch über die wichtigsten Lebensfragen eine Ansicht vernehmen wollen.

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