Arthur Schopenhauer
Ein solcher Weg ist vorgezeichnet in der Wissenschaftslehre J. G. Fichtes. Die reifste Form hat diese in den Vorlesungen angenommen, die Fichte in den Jahren 1810 bis 1814 an der Berliner Universität gehalten hat. Schopenhauer ging im Herbst 1811 nach Berlin, um da seine Studien fortzusetzen. «Er hörte dem seine Philosophie vortragenden Fichte sehr aufmerksam zu», sagt er später in der Beschreibung seines Lebenslaufes, die er der philosophischen Fakultät in Berlin vorlegt, als er Privatdozent werden will. Den Inhalt von Fichtes Vorträgen erfahren wir aus dessen «Sämtlichen Werken Bd. 2 und aus seinem Nachlaß Bd. i». Die Wissenschaftslehre geht aus von dem Begriffe des Wissens, nicht von dem des Seins. Denn über das Sein kann der Mensch nur durch sein Wissen etwas erfahren. Das Wissen ist kein 'Totes, Fertiges, sondern lebendiges Werden. Die Gegenstände des Wissens entstehen durch dessen Tätigkeit. Es ist nun für das alltägliche Bewußtsein charakteristisch, daß es zwar die Gegenstände des Wissens bemerkt, nicht aber deren Entstehung. Die Einsicht in diese Entstehung geht dem auf, der auf sein eigenes Tun sich besinnt. Ein solcher sieht, wie er die ganze in Raum und Zeit vorhandene Welt selbst erschafft. Dieses Schaffen ist, nach Fichtes Ansicht, eine Tatsache, die man bemerkt, sobald man darauf achtet. Allerdings muß man ein Organ haben, welches fähig ist, das Wissen bei seinem Hervorbringen zu belauschen, wie man ein Auge haben muß, um die Farben zu sehen. Wer dieses Organ hat, dem erscheint die wahrnehmbare Welt als Geschöpf des Wissens, entstehend und vergehend mit dem Wissen. Ihre Gegenstände sind kein bleibendes Sein, sondern vorübereilende Bilder. Das Hervorbringen dieser Bilder kann jeder nur an sich selbst beobachten. Jeder Mensch erkennt durch Selbstanschauung in den seinem Wissen gegebenen Dingen eine von ihm selbst erzeugte Bilderwelt. Diese ist nur ein subjektiver Schein, dessen Bedeutung nicht über das einzelne menschliche Individuum hinausreicht. Es entsteht die Frage: Sind diese Bilder das einzige Seiende? Sind wir selbst nichts als diese den Schein erzeugende Tätigkeit? Die Frage kann beantwortet werden durch Besinnung des Menschen auf seine sittlichen Ideale. Von diesen ist ohne weiteres klar, daß sie verwirklicht werden sollen. Und es ist auch unbedingt gewiß, daß sie nicht bloß durch dieses oder jenes menschliche Individuum, sondern durch alle Menschen verwirklicht werden müssen. Diese Notwendigkeit führt der Inhalt dieser Ideale mit sich. Sie sind eine alle Individuen umspannende Einheit. Jeder Mensch empfindet sie als Sollen. Verwirklicht können sie nur werden durch das Wollen. Sollen aber die Ausdrücke des Wollens der Individuen zu einer einheitlichen Weltordnung zusammenstimmen, so müssen sie in einem einzigen Universalwillen begründet sein. Was in irgendeinem Individuum will, ist seinem Wesen nach dasselbe wie das in allen andern Wollende. Was der Wille vollbringt, muß in der Körperwelt erscheinen; sie ist der Schauplatz seines Wirkens. Das ist nur dann möglich, wenn ihre Gesetze solche sind, daß sie die Tätigkeit des Willens in sich aufnehmen kann. Es muß eine ursprüngliche Übereinstimmung sein zwischen den Triebkräften der Körperwelt und dem Willen. Die Wissenschaftslehre führt somit zu einem einheitlichen Weltprinzip, das sich in der Körperwelt als Kraft, in der sittlichen Ordnung als Wille kundgibt. Sobald der Mensch den Willen in sich vorfindet, gewinnt er die Überzeugung, daß es eine von seinem Individuum unabhängige Welt gibt. Der Wille ist nicht Wissen des Individuums, sondern Form des Seins. Die Welt ist Wissen und Wille. In der Verwirklichung der sittlichen Ideale hat der Wille einen Inhalt, und insofern das menschliche Leben an dieser Verwirklichung teilnimmt, erhält es einen absoluten Wert, den es nicht hätte, wenn es bloß in den Bildern des Wissens bestände. Fichte sieht in dem Willen das vom Wissen unabhängige «Ding an sich». Alles, was wir von der Welt des Seins erkennen, ist, daß sie Wille ist.
Cite:
GA 33/06_arthur_schopenhauer/p015 · edition original