Arthur Schopenhauer

GA 33/06_arthur_schopenhauer/p019 · original (original)

Im Frühling 1813 verließ Schopenhauer Berlin wegen der Kriegsunruhen und ging über Dresden nach Weimar. Die Verhältnisse im Hause seiner Mutter gefielen ihm nicht; deshalb ließ er sich zunächst in Rudolstadt nieder. Im Sommer des Jahres 1813 arbeitete er einen Teil der Vorstellungslehre aus. Alle unsre Vorstellungen sind Objekte unsres erkennenden Subjekts. Aber nichts für sich Bestehendes und Unabhängiges, auch nichts Einzelnes und Abgerissenes kann Objekt für uns werden. Die Vorstellungen stehen in einer gesetzmäßigen Verbindung, die ihnen von unsrem Erkenntnisvermögen gegeben wird und die der Form nach aus dessen Natur erkannt werden kann. Die Vorstellungen müssen zueinander in einem solchen Verhältnis stehen, daß wir sagen können: die eine ist in der andern begründet. Grund und Folge ist die allgemeine Form des Zusammenhangs sämtlicher Vorstellungen. Es gibt vier Arten der Begründung: den Grund des Werdens, des Erkennens, des Seins und des Wollens. Beim Werden wird eine Veränderung durch eine andre in der Zeit begründet; beim Erkennen ein Urteil durch ein andres, oder durch eine Erfahrung; beim Sein die Lage eines Zeit- oder Raumteils durch einen andern; beim Wollen eine Handlung durch ein Motiv. Die ausführliche Darstellung dessen, was Schopenhauer über diese Sätze zu sagen hatte, gab er in seiner Schrift «Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde», durch die er sich am 2. Oktober 1813 den Grad eines Doktors der Philosophie bei der Universität Jena erwarb. Im November dieses Jahres kehrte er nach Weimar zurück, wo er bis zum Mai 1814 verblieb und in vertrautem Umgange mit Goethe lebte. Dieser hatte Schopenhauers Erstlingsschrift gelesen und interessierte sich für den Verfasser in dem Grade, daß er ihn persönlich in die Farbenlehre einführte. Schopenhauer fand, daß zwischen seiner philosophischen Überzeugung und der Goetheschen Farbenlehre die vollkommenste Übereinstimmung bestehe. Er beschloß, dies in einer besonderen Schrift zu begründen, deren Ausarbeitung er, nach seiner Übersiedlung nach Dresden, im Mai 1814, in Angriff nahm. Dabei bildeten sich auch seine Gedanken über die Natur der Sinnesanschauung aus. Kant war der Ansicht, daß durch Erregung der Sinne von seiten der «Dinge an sich» die Empfindungen entstehen; das sind die einfachen Farben-, Licht-, Schalleindrücke usw. Wie diese von außen kommen, sind sie noch nicht in Raum und Zeit angeordnet. Denn diese Ordnung beruht auf einer Einrichtung der Sinne. Die äußeren Sinne ordnen die Empfindungen im Raume, der innere Sinn in der Zeit an. Dadurch entsteht Anschauung. Die Anschauungen ordnet dann der Verstand, seiner Natur gemäß, nach den Begriffen: Ursache und Wirkung, Einheit, Vielheit usw. Dadurch bildet sich aus den Einzelanschauungen die in sich zusammenhängende Erfahrung. Schopenhauer findet die Sinne ganz ungeeignet zur Erzeugung der Anschauung. In den Sinnen ist nichts als die Empfindung enthalten. Die Farbenempfindungen zum Beispiel entstehen durch eine Wirkung auf die Netzhaut im Auge. Sie sind Vorgänge innerhalb des Organismus. Sie können daher auch unmittelbar nur als Zustände des Leibes und in diesem wahrgenommen werden. Der innere Sinn ordnet die Empfindungen zunächst in der Zeit an, so daß sie nach und nach ins Bewußtsein gelangen. Räumliche Beziehungen erhalten sie erst, wenn sie als Wirkungen aufgefaßt und von ihnen auf eine äußere Ursache geschlossen wird. Die Anordnung nach Ursache und Wirkung ist Sache des Verstandes. Dieser betrachtet die Empfindungen als Wirkungen und verlegt ihre Ursachen in den Raum. Er bemächtigt sich des Empfindungsmateriales und baut die Anschauungen im Raume daraus auf. Diese sind somit durchaus das Werk des Verstandes und nicht der Sinne*. Da die Gegenstände, die im Raume gesehen und getastet werden, aus den Sinne[^1] sempfindungen erst aufgebaut werden, können diese nicht aus jenen abgeleitet werden. Man kann daher die Farben, die doch Empfindungen sind, nicht aus den Gegenständen ableiten, wie es Newton tut. Sie entstehen durch das Auge und müssen aus der Einrichtung des Auges begründet werden. Es muß gezeigt werden, wie die Netzhaut Farben erzeugt. Nach außen kann bloß die Ursache der Farben, das Licht, verlegt werden, das noch durchaus ungefärbt ist. Von dem ungefärbten Lichte geht auch Goethe in der Farbenlehre aus. Schopenhauers Schrift «Über das Sehn und die Farben» erschien 1816. Goethe hatte das Manuskript bereits 1815 von dem Verfasser zur Ansicht erhalten.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/33/06_arthur_schopenhauer/p019.json
Cite: GA 33/06_arthur_schopenhauer/p019 · edition original