{"corpus":"steiner","locus":"GA 33/06_arthur_schopenhauer/p022","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Dieselbe Briefstelle enthält zugleich einen Gedanken, der im letzten Abschnitt des Buches «Die Welt als Wille und Vorstellung» wissenschaftliche Gestalt angenommen hat: den von einem allgemeinen Weltelend und von der Nichtigkeit des Daseins. Der Wille ist ewiges Streben. Es liegt in seiner Natur, daß er niemals befriedigt werden kann. Denn erreicht er ein Ziel, so muß er sofort zu einem neuen forteilen. Hörte er als Streben auf, so wäre er nicht mehr Wille. Da das menschliche Leben seinem Wesen nach Wille ist, so gibt es in demselben keine Befriedigung, sondern nur ewiges Lechzen nach einer solchen. Die Entbehrung bereitet Schmerz. Dieser ist also notwendig mit dem Leben verbunden. Alle Freude und alles Glück kann nur auf Täuschung beruhen. Zufriedenheit ist nur durch Illusion möglich, die durch Besinnen auf das wahre Wesen der Welt vernichtet wird. Die Welt ist nichtig. Ein Weiser ist nur, wer das im vollen Umfange einsieht. Das Anschauen der ewigen Ideen und deren Verkörperung in der Kunst kann für Augenblicke über das Elend der Welt hinwegführen, denn der ästhetisch Genießende versenkt sich in die ewigen Ideen und weiß nichts von den besonderen Leiden seines Individuums. Er verhält sich rein erkennend, nicht wollend, also auch nicht leidend. Das Leiden tritt aber sofort wieder ein, wenn er in das alltägliche Leben zurückgeworfen wird. Die einzige Rettung aus dem Elend ist, gar nicht zu wollen, das Wollen in sich zu ertöten. Das geschieht durch Unterdrükkung aller Wünsche, durch Askese. Der Weise wird alle Wünsche in sich auslöschen, seinen Willen vollständig verneinen. Er kennt kein Motiv, das ihn zum Wollen nötigen könnte. Sein Streben geht nur noch auf das eine: Erlösung vom Leben. Das ist kein Motiv mehr, sondern ein Quietiv. Jedes einzelne Wollen ist durch das allgemeine Wollen bestimmt, daher unfrei; nur der Universalwille ist durch nichts bestimmt, also frei. Nur die Verneinung des Willens ist eine Tat der Freiheit, weil sie nicht durch einen einzelnen Willensakt, sondern durch den einen Willen selbst hervorgerufen werden kann. Alles einzelne Wollen ist Wollen eines Motivs, daher Willensbejahung.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Arthur Schopenhauer","site_heading":null,"date":null,"location":null,"word_count":335,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/33/06_arthur_schopenhauer/p022","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/33/06_arthur_schopenhauer/p022"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/33/06_arthur_schopenhauer/p022","paragraph_aligned":true}]}