Arthur Schopenhauer

GA 33/06_arthur_schopenhauer/p028 · original (original)

Nach Vollendung der «Welt als Wille und Vorstellung» verließ Schopenhauer Dresden und begab sich nach Italien. Er sah Florenz, Bologna, Rom, Neapel. Auf der Rückreise erhielt er in Mailand die Nachricht von seiner Schwester, daß das Hamburger Handelshaus, in dem Mutter und Schwester ihr ganzes, Schopenhauer selbst nur einen Teil seines Vermögens angelegt hatten, die Zahlungen eingestellt habe. Diese Erfahrung ließ es ihm geraten erscheinen, sich nach Erwerb umzusehen, da er nicht von dem doch unsicheren Vermögensbesitz abhängen wollte. Er kehrte nach Deutschland zurück und habilitierte sich an der Universität Berlin. Für das Sommersemester 1820 kündigte er folgende Vorlesung an: «Die gesamte Philosopie, das ist die Lehre vom Wesen der Welt und von dem menschlichen Geiste». Er konnte als akademischer Lehrer ebensowenig wie als Schriftsteller neben Hegel irgendeinen Einfluß ausüben. Deshalb hielt er in der Folgezeit keine Vorlesungen mehr, obwohl er solche noch bis zum Jahre 1831 im Lektionskatalog ankündigte. In Berlin fühlte er sich unglücklich; Lage, Klima, Umgebung, Lebensweise, soziale Zustände: alles war ihm unsympathisch. Dazu kam, daß er durch die Vermögensangelegenheit mit Mutter und Schwester vollständig zerfiel. Er selbst hatte durch geschicktes Auftreten nichts verloren; Mutter und Schwester dagegen 70 Prozent ihres Vermögens. Durch den Mangel an Anerkennung, durch Vereinsamung und das Zerwürfnis mit den Angehörigen verbittert, verließ er im Mai 1822 Berlin und brachte mehrere Jahre auf Reisen zu. Er ging durch die Schweiz nach Italien, verlebte einen Winter in Trier, ein ganzes Jahr in München und kam erst im Mai 1825 wieder nach Berlin. Im Jahre 1831 übersiedelte er nach Frankfurt am Main. Er floh vor der Cholera, die damals in Berlin herrschte, und vor der er sich besonders deshalb fürchtete, weil er in der Neujahrsnacht von 1830 auf 1831 einen Traum hatte, der ihm auf seinen baldigen Tod hinzudeuten schien.

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