Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
Dasjenige, was heute zu sprechen veranlaßt, so wie ich hier sprechen möchte, das sind ja die wahrhaft laut genug sprechenden sozialen Tatsachen, die deutlich genug bemerkbar sind über einen großen Teil der zivilisierten Welt hin. Und wer sie in ihrer wahren Gestalt zu würdigen vermag, diese Tatsachen, der kann ihnen absehen, daß wir mit Bezug auf die Bewegung, welche sie einleiten, erst im Anfange sind. Aber es wird gut sein, gerade in diesen Anfängen den vollen Ernst der Sache ins Auge zu fassen. Da wird vor allen Dingen denjenigen, welche das verfolgt haben, was wir heute die soziale Bewegung nennen, die ja in dieser ihrer Gestalt mehr als ein halbes Jahrhundert alt ist, aufgefallen sein, daß jetzt, wo wir den Tatsachen, die sich aus der furchtbaren Weltkriegskatastrophe herausgebildet haben, gegenüberstehen, sich lang, lang gehegte Gedanken, Parteimeinungen, Anschauungen, wie, man möchte fast sagen, Urteilsmumien ausnehmen, die unter uns herumwandeln und die sich überall tot erweisen gegenüber dem, was die sozialen Tatsachen heute von uns fordern. Wollen wir zu einer fruchtbaren Meinung kommen, dann ist es wohl notwendig, wenigstens kurz hinzuweisen auf die Ursachen, warum lang gehegte Parteimeinungen aller Schattierungen sich gegenüber den Tatsachen so unzulänglich erweisen. Ich war vor nicht zu langer Zeit anwesend bei jener Konferenz in Bern, welche es sich zur Aufgabe gemacht hat, Stellung zu nehmen zu der Begründung des sogenannten Völkerbundes. Heute, wo es notwendig ist, denn sonst kommen wir keinen Schritt weiter, in allen Dingen offen und ehrlich zu sprechen, darf wohl behauptet werden, daß dasjenige, was bei dieser Völkerbundskonferenz gewiß über manches Bedeutsame, über manches sehr schön Gedachte die Herren und Damen da gesprochen haben in Bern, dem, der die ganze Tiefe, den ganzen Ernst der sozialen Weltbewegung heute ins Auge zu fassen vermag, so erscheint, wie ungefähr das beschaffen war, was die Staatsmänner der europäischen Staaten im Frühling des Jahres 1914 zu den Völkern, zu den Vertretungen der Völker gesprochen haben. Ich will im einzelnen auf die Dinge heute nicht eingehen, möchte aber doch auch vor dieser Versammlung auf die bezeichnende Tatsache hinweisen, daß der verantwortliche Außenminister des Deutschen Reiches in einer entscheidenden Sitzung des Frühlings 1914 zu sagen wagte, die allgemeine politische Entspannung — bedenken Sie bitte, die allgemeine Entspannung, mit der gemeint war der Weg zu einer Sicherung des Weltfriedens für Jahre -, die hätte erfreuliche Fortschritte gemacht. Nun, sie hat solche Fortschritte gemacht, daß auf sie folgte jene Katastrophe, durch welche, gering gerechnet, zehn bis zwölf Millionen Menschen der zivilisierten Welt totgeschossen und dreimal soviel zu Krüppeln geschlagen worden sind. Daran und an manches andere muß man sich erinnern, wenn jetzt diejenigen, die über die Weltvorgänge, das soll ja nicht geleugnet werden, recht gescheit reden, gewissermaßen blind sind gegenüber dem, was in den Tatsachen als Keim für das Zukunftsgeschehen wirklich verborgen liegt. Und damit trifft man, ich möchte sagen von vornherein, einen der Hauptpunkte, über die wir heute werden zu sprechen haben.
Cite:
GA 330/1919-04-28/p004 · edition original