Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

GA 330/1919-04-28/p006 ·1919-04-28 · original (original)
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In dem Eisenacher sozialen Programm von 1869, da sehen wir zuerst auftauchen aus ganz dunkeln, dumpfen Seelenuntergründen des Proletariats herauf die Forderung nach einer, wie man sagte, «gerechteren Entlohnung der handwerklichen Arbeit innerhalb der sozialen Gesellschaft». Dann aber, nach verhältnismäßig kurzer Zeit, schon 1875 im sogenannten Gothaer Programm, nahmen diese Forderungen eine ganz andere, ich möchte sagen, schon eine eigentlich kommunistische Gestalt an. Da handelt es sich nicht mehr, wenigstens nicht in dem, was man bewußt aussprach, darum, die Arbeit in gerechter Weise zu entlohnen, sondern da handelte es sich bereits darum, Güter nach den Bedürfnissen der Menschen in irgendeiner Weise gerecht zur Verteilung, zur Ausgleichung zu bringen. Dann wiederum sahen wir, wie aber doch in der proletarischen Bewegung dasjenige lebendig bleibt, was ich den Grundton nennen möchte eines politischen Programms. In den proletarischen Forderungen lebte bis in den Beginn der neunziger Jahre mehr oder weniger deutlich, daß angestrebt wird eine Ausgleichung der sozialen Ungleichheiten und vor allen Dingen eine Überwindung des Prinzips des Arbeitslohnes. Dann sehen wir, wie diese politische Farbe des Programms, ich möchte sagen, merkwürdig zurücktritt, und wie ein rein wirtschaftliches Programm, die Vergesellschaftung der Produktionsmittel, die gesamtgenossenschaftliche Art der Arbeit, zum Thema wird. Und so könnte man noch weiter gehen. Ich will ja nur das Prinzipielle andeuten. Wer wirklich eingeht auf dieses Werden der modernen sozialen Bewegung, der muß nun aber auch nach der anderen Seite hinüberblicken. Er muß sich sagen: Was ist alles zum Unheil der Menschheit nicht geschehen gegenüber dem, was da auftrat! Was hätte geschehen können? Was ich jetzt sage, soll nicht eine Kritik geschichtlicher Entwickelungen sein, denn ich weiß selbstverständlich so gut wie jeder andere, in welchem Sinne geschichtliche Entwickelungen notwendig sind, und wie unsinnig es ist, etwa gar eine moralische oder sonstige verurteilende Kritik in die Vergangenheit zu senden. Etwas anderes ist es aber, an manchem Versäumten für die Gegenwart gerade zu lernen. Was hätte geschehen sollen, das kann ja doch wohl nicht anders als so ausgesprochen werden: Wir hatten leitende, führende Persönlichkeiten innerhalb der Oberschichte der menschlichen sozialen Ordnung - diese leitenden, führenden Schichten, haben sie sich geneigt gezeigt, aus dem, was sie als soziale Erfahrung, als soziale Wissenschaft auf Grundlage ihrer Klassenbevorzugung heraufgebracht haben in die neuere Zeit, tiefer zu verstehen, was das Proletariat will, als dieses Proletariat selbst?

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