Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

GA 330/1919-04-28/p011 ·1919-04-28 · original (original)
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Über diese Tatsache kann man nur ein Urteil gewinnen, wenn man nicht von oben herunter, wie so viele in der Gegenwart, bloß gelernt hat, über das Proletariat zu denken, nein, wenn einen sein Schicksal dazu gebracht hat, mit dem Proletariat zu denken! Sehen Sie, was man im Zeitalter der Technik, im Zeitalter des Kapitalismus zu denken, zu empfinden gelernt hat, das führte ja gewiß viele Angehörige der leitenden, führenden Kreise der Menschheit dazu, freigeistig, freireligiös zu werden. In dieser Beziehung lebte eben leider, leider die moderne Menschheit in einer furchtbaren Illusion, die heute durchschaut werden muß. Ja, man konnte ein solcher Naturforscher wie Carl Vogt sein, man konnte ein naturwissenschaftlicher Popularisator wie Büchner sein, man kann ganz aufrichtig und ehrlich mit dem Kopfe dem Naturgedanken ergeben sein, aber der ganze Mensch, er kann doch in einer sozialen Ordnung drinnenstehen, die es ihm unmöglich macht, mit mehr als mit dem Kopfe sich empfindend zu bekennen zu den neueren Denkgewohnheiten. Anders war das beim Proletariat. Ich möchte eine Szene erwähnen, die nicht verhundertfacht, die vertausendfacht werden könnte. Eine Szene von der Art, wie sie sich als folgenschwer zugetragen haben und die in ihrer ganzen weltgeschichtlichen Bedeutung zu erkennen die führenden Klassen bisher doch versäumt haben. Sehen Sie, ich erinnere mich lebhaft, weil ich daneben stand, als vor jetzt zwanzig Jahren einmal Rosa Luxemburg in Spandau bei Berlin sprach zu einer Proletarierversammlung in ihrer eigentümlichen, gemessenen, überlegten Art. Sie sprach über die Wissenschaft und die Arbeiter, eine von jenen Reden, deren Früchte jetzt in der ganzen Welt aufgehen. Nur mit wenig Worten will ich Ihnen das Wesentlichste dieser Rede hier andeuten. Da sprach ganz aus dem Bewußtsein moderner wissenschaftlicher Orientierung heraus Rosa Luxemburg zu den Arbeitern, die sich am Sonntagnachmittag versammelt hatten mit ihren Frauen, ja mit ihren Kindern, um etwas zu hören über die Frage: Wie kommt der Mensch als Arbeiter zu einem menschenwürdigen Dasein? oder: Wie hat er über sein Dasein als Mensch zu denken? — Sie sagte damals: O lange, lange hat die Menschheit in Illusionen gelebt über die alten Zeiten. Jetzt endlich ist die Menschheit dazu gekommen, durch ihre Wissenschaft zu erkennen, wie alle Menschen vom gleichen tierischen Ursprung sind. Wie der Mensch sich anfangs — das sind fast ihre eigenen Worte — höchst unanständig als Baumkletterer benommen hat. Dann fügte sie hinzu: Kann da noch jemand glauben, daß bei solch gleichem Ursprung für alle Menschen irgendeine Berechtigung da sei für das, was als soziale Ungleichheiten heute auftritt?

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