Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
Sehen Sie, da war ein Wort gesprochen, das der moderne Proletarier in einer ganz anderen Weise auffaßte, als es aufzufassen vermochte der Angehörige der bisher führenden Schichten der Menschheit. Der Angehörige der bisher führenden Schichten der Menschheit war mit seinem Kopfe von einem solchen Wort vielleicht überzeugt, aber er stand als ganzer Mensch in einer sozialen Ordnung drinnen, die ein Überbleibsel war von Weltanschauungen früherer Zeiten, in allerlei, wenn er es auch sich nicht gestand, in allerlei religiösen, künstlerischen und sonstigen Empfindungen. Er war nicht darauf angewiesen, seinen ganzen Menschen in das Licht einer solchen Weltanschauung zu stellen. Der Proletarier aber war genötigt, seinen ganzen Menschen im Lichte einer solchen Weltanschauung zu sehen. Warum? Nicht daß die Maschine aufgekommen ist, nicht daß der Kapitalismus heraufgekommen ist, war das Wesentliche. Das Wesentliche war, daß der Proletarier hinweggerufen worden ist von den früheren Lebensbedingungen, die ihm aus dem Handwerk oder dergleichen selbst heraus irgend etwas mitgaben zur Beantwortung der Frage: Was bist du als Mensch wert unter Menschen? Jetzt stand er an der Maschine; das gibt ihm keinen Zusammenhang zwischen sich und den andern Menschen. Jetzt stand er drinnen in der bloßen Wirtschaftsordnung des Kapitalismus. Jetzt war er genötigt, von einer ganz anderen Seite her sich die Frage zu beantworten: Was bist du eigentlich als Mensch? — Daher wandte er sich wie an seine neue Religion an diese moderne Weltanschauung, die für die anderen eben eine Kopfüberzeugung war, für ihn aber etwas, was seinen ganzen Menschen erfüllte. Nun, was da der Proletarier übernommen hatte und was zuletzt auch ausfüllte alles, was sich ausbreitete als soziale Anschauung in der Arbeiterschaft, woher stammte das alles? Es stammte doch, wenn das auch nicht immer durchschaut worden ist, aus der Entwickelung der führenden, namentlich der bürgerlichen Schichten der menschlichen Gesellschaft. Das, was der Proletarier übernommen hatte an Weisheit, an Wissenschaft, an materialistischer Anschauung über den Menschen, das war nicht in dem Intellekte des Proletariers gewachsen, das war Erbgut desjenigen, was das bürgerliche Denken in der neueren Zeit ausgebildet hatte. Der Proletarier brachte nur, während er ganz anders leben mußte, das bürgerliche Denken bis zu seiner letzten Konsequenz, bis zu seiner äußersten Ausgestaltung. Und was wurde es in seiner Seele? Oh, er war überzeugt davon, daß dieses letzte Erbgut von seiten des Bürgertums ihm doch etwas Seelentragendes geben müsse. Es war gewissermaßen unbewußt das letzte große Vertrauen, das das Proletariat dem Bürgertum entgegenbrachte, und das darin bestand, daß es die neuere materialistische Weltanschauung von dem Bürgertum übernahm. Dieses letzte große Vertrauen, es ist — das ist wenigstens das unbewußte Gefühl des Proletariers -, es ist getäuscht worden. Und das ist es, was den heutigen sozialen Tatsachen, trotz aller Auswüchse, im innersten Wesen doch zugrunde liegt.
Cite:
GA 330/1919-04-28/p012 · edition original