{"corpus":"steiner","locus":"GA 330/1919-04-28/p013","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Wenn wir auf diese Tatsache hinsehen, dann müssen wir gerade das Unbewußte, gerade dasjenige, was die Folge des Erwähnten in der Seele des Proletariers war, das müssen wir so recht ins Auge fassen. Der Bürgerliche — greifen Sie sich ans Herz, versuchen Sie es zu erkennen durch eine wahre Selbstbesinnung, wenn Sie Bürgerlicher sind oder Ihre Vorfahren Bürgerliche waren —, der Bürgerliche hat als Überlieferung früherer Zeiten ganz andere Empfindungen. Der moderne Proletarier wies nach seiner Lebensart, nachdem er zur öden Maschine, zum öden Kapitalismus gerufen worden ist, diese alten Überlieferungen ab. Seine Seele sollte diese neuere Weltanschauung ausfüllen, sie konnte es nicht. Und so sehr mit Begeisterung der Proletarier sich bekannte zu dem, was diese Weltanschauung sagte, er fühlte sich in seiner Seele verödet, er fühlte sich lechzend nach einem anderen Geistesleben. Denn dieses Geistesleben, die Frucht der neueren Geistigkeit, hat keine Stoßkraft für die großen Seelenfragen der Menschheit. Dieses Geistesleben sagt nichts aus über den Zusammenhang des Menschen mit dem, was ein jeder Mensch doch in seiner Brust als seine höhere Menschlichkeit fühlt. Das wirkte verödend. Das wirkte so in der Seele des Proletariers, daß er nach etwas Unbestimmtem lechzte. Das ist es, was in allen möglichen Forderungen sich dann maskierte, was in allen möglichen Ausgestaltungen zutage trat. Wir werden diese Maskierung, diese Ausgestaltungen nicht verstehen, wenn wir uns nicht entschließen können, die Sache in ihrer vollen Tiefe von dem Gesichtspunkte einer wirklichen Weltanschauungsfrage ins Auge zu fassen. Keine Stoßkraft für Weltanschauungsangelegenheiten, keine Stoßkraft für das Allgemein-Menschliche hatte dieses neuere Geistesleben. Wenn die führenden Schichten der neueren Menschheit suchten nach einer solchen Stoßkraft, suchten nach etwas im Geistesleben, das seelentragend sein sollte, dann wandten sie sich an die alten religiösen Vorstellungen, an die alten künstlerischen, ästhetischen, ethischen oder sonstigen Anschauungen. Aber das, was sie dem Proletarier vermittelt haben, was der Proletarier allein verstehen konnte, das war nicht seelentragend, das ist bis heute nicht seelentragend. Fragen müssen wir: Woher kommt denn das? Da müssen wir nicht die Theoretiker fragen, da müssen wir wahrhaftig keine grauen Theorien aufbauen. Da müssen wir in eine wirkliche Lebenspraxis untertauchen, wenn wir klar sehen wollen. Ich kann natürlich die welttragenden Tatsachen heute nur skizzieren, sie lassen sich aber voll zum Beweise bringen. Indem die neuere Zeit mit ihrer Technik, mit ihrem Kapitalismus heraufrückte, da war aus der früheren Entwickelung etwas zurückgeblieben, was für den Kenner nur sehr entfernt ähnlich sieht demjenigen, was wir heute Staat nennen, insofern dieser Staat wahrhaftig von genügend Menschen, man möchte sagen, fast wie ein Götze angebetet und verehrt wird. Diejenigen Menschenklassen, die die führenden waren im Beginn der neueren Zeit, als Technik und Kapitalismus heraufkamen, sie benützten den Rahmen des Staates, um in diesen Rahmen all dasjenige hineinzubringen, was hineinzubringen ihnen bequem war. Und wir sehen eigentlich berechtigt vom damaligen Standpunkt aus, wenigstens begreiflich vom damaligen Standpunkt aus, wo man gegen die Kirche, gegen manche andere Mächte zu kämpfen hatte, wie seit der Morgenröte des neueren Geisteslebens, des geschichtlichen Lebens überhaupt, das Geistesleben immer mehr und mehr einbezogen wird in die Sphäre des Staates. Die Schule, andere Zweige des Geisteslebens, sie wurden immer mehr und mehr einbezogen in die Sphäre des Staates. Man sah darin gerade den großen Fortschritt der.neueren Zeit. Deshalb ist es heute so schwer, auf diesem Gebiete gegen das allgemeine Vorurteil anzukämpfen und auszusprechen, daß gerade auf diesem Gebiete der Rückzug angetreten werden muß, wahrhaftig nicht in ein schwarzes Mittelalter, aber in die Befreiung des Geisteslebens auf allen Gebieten vom Staate, Das ist es, was man heute wird einsehen müssen, daß es notwendig ist, wenn man nur mit irgendeiner auch nur geringen Kraft wird mitwirken wollen zum Herauskommen aus der furchtbaren, der schrecklichen Lage, in die sich die Menschheit selbst hineingebracht hat. Als ein Fortschritt wurde es angesehen, alles nach und nach in die Aufsicht des Staates zu setzen, was dem Geistesleben angehörte. Nur wenigen künstlerischen Gebieten, einigem, was man für lebensunwichtig ansieht, wurde auf dem geistigen Gebiete noch die Freiheit gelassen.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft","site_heading":null,"date":"1919-04-28","location":null,"word_count":656,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/330/1919-04-28/p013","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/330/1919-04-28/p013"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/330/1919-04-28/p013","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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