Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

GA 330/1919-04-28/p014 ·1919-04-28 · original (original)
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Ja, derjenige, der die Verhältnisse auf diesem Gebiete kennt, der weiß, wases bedeutet, daß man in der neueren Zeit so hochmütig geworden ist mit Bezug auf das Urteil, das man immer wieder hören kann, im Mittelalter habe die Philosophie, und man meint damit alle Wissenschaft, alles menschliche Geistesleben, die Schleppe nachgetragen der Theologie. Nun ja, die Schleppe wird ja freilich der Theologie heute von der Mehrzahl derjenigen, die sich geistig wirklich betätigen auf der Höhe der Zeit, nicht nachgetragen, aber etwas anderes findet statt. Ich möchte es kennzeichnen, indem ich Ihnen ein Wort anführe, das aber verhundertfacht, nein, vertausendfacht werden könnte. Ein sehr berühmter, mit Recht berühmter, bedeutender Naturforscher der neueren Zeit sprach sich einmal als Generalsekretär der Berliner Akademie der Wissenschaften über seine Kollegen, über die ganze Körperschaft der Berliner Akademie der Wissenschaften aus und sagte, diese Gelehrten, sie seien mit Stolz die wissenschaftliche Schutztruppe der Hohenzollern. Nun, das, denken Sie es einmal aus, bezeugt Ihnen, in welche Abhängigkeit das Geistesleben geraten ist, nachdem es sich gerettet hat aus den Fängen der Theologie. Es trägt nicht mehr der Theologie die Schleppe nach. Was es aber geneigt ist, gegenüber dem Staate zu tun, oh, die letzten viereinhalb Jahre beweisen es. Lesen Sie dasjenige, was deutsche Geschichtsschreiber geschrieben haben. Und wahr, leider höchst wahr ist es — nicht allein die Verwaltung, die Stellenbesetzung der Wissenschaften hängt etwa ab von dem Staate, nein, derjenige, der die Dinge wirklich kennt, der weiß, daß diese Wissenschaft, die vom Staate abhängig geworden ist, auch ihrem Inhalte, ihrem Bestande nach vom Staate abhängig wurde, und vor allen Dingen insofern, als solche Menschen sie machten, die den Quell ursprünglichen Geisteslebens in sich ertöteten und mehr oder weniger ganz und gar nur Mittler wurden zur Behauptung desjenigen, was eigentlich der Staat in ihnen behauptet. Schwierig wird es sein, dasjenige, was das eben Ausgesprochene alles enthält, frank und frei und mutig zu bekennen, aber es muß bekannt werden. Denn eingesehen werden muß, daß Geistesleben nur so möglich ist in seiner wirklichen Wesenheit, daß es die Menschen trägt, daß es vor allen Dingen die Seelen trägt, daß Geistesleben nur möglich ist, wenn es auf sich selbst, auf die eigene Freiheit gestellt ist, wenn vom Lehrer der untersten Schule ab jeder weiß: Du unterstehst keinem Befehl des Staates, sondern lediglich der Verwaltung derjenigen, die aus dem Geistesleben herausgewachsen sind und ihm dienen. Mit diesem Geistesleben, das vom Staate vollständig unabhängig ist, mit diesem Geistesleben wird etwas geschaffen werden können, was ein gesunder Boden für Geistesentwickelung überhaupt ist.

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