Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
Was haben wir denn erlebt innerhalb der geistigen Entwickelung der neueren Zeit? Oh, wie ist im Grunde genommen das alles fremd dem wirklichen Leben, was innerhalb der Mauern des wissenschaftlichen Betriebes gepflegt wird. Und was vermissen wir daher auf dem Boden des Wirtschaftslebens überall? Einsichtige Kenner dieses Wirtschaftslebens geben heute zu, daß uns das Allerwichtigste fehlt gerade im Wirtschaftsleben, daß uns fehlt zum Beispiel eine wirkliche Industriewissenschaft. Das Wirtschaftsleben, das konnte nicht zurückbleiben, das mußte mit dem Gang der neueren Entwickelung gehen. Es war unmöglich, daß man zum Beispiel in Deutschland dabei blieb, für die deutsche Eisenindustrie nur 799000 Tonnen Roheisen zutage zu fördern, wiemanesin den ersten sechziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts getan hat. Nein, es war notwendig, schon Ende der achtziger Jahre nicht 799 000 Tonnen Roheisen zutage zu fördern, sondern 4500000 Tonnen. Was ist das Bemerkenswerte an dieser Roheisengewinnung? Daß diese 799000 Tonnen Roheisen im Beginn der sechziger Jahre des neunzehnten Jahrhunderts von etwas mehr als 20000 Arbeitern zutage gefördert worden sind und merkwürdigerweise die 4500000 Tonnen in den achtziger Jahren von auch nur wenig mehr als 20000 Arbeitern zutage gefördert wurden. Was heißt das? Das heißt: So sind die technischen Vervollkommnungen fortgeschritten, so drängte das Wirtschaftsleben zum Fortschritt, daß von derselben Anzahl Arbeiter Ende der achtziger Jahre 4500000 Tonnen Roheisen zutage gefördert werden konnten, von denen anfangs der sechziger Jahre nur 799000 Tonnen gefördert worden sind. Da fragt man sich aber dann: Ist gefolgt in der richtigen Weise dieser Vervollkommnung der Technik die Vervollkommnung auf anderen sozialen Gebieten? Nein. Und einsichtige Kenner gestehen es heute ohne weiteres, daß uns fehlt eine Wissenschaft, welche zum Beispiel geeignet ist, nach den Anforderungen der Gegenwart der Produktion im Sinne der gesteigerten Konsumtion so zu helfen, daß die Betriebe überall am richtigen Ort angelegt werden, daß die Betriebe von anderen, sie unterstützenden Betrieben in der Nachbarschaft richtig begleitet werden. Wer heute verfolgt, was wegen des Mangels einer Industriewissenschaft in dieser Beziehung an wirtschaftlichem Chaos zutage gefördert worden ist, der sieht erst hinein in die wahren Gründe, in die wahrhaft praktischen Gründe für die heutige soziale Bewegung. Denn ein gesundes Geistesleben, ein Geistesleben, das nicht in bequemer Art abhängig sein darf, sich stützen lassen darf vom Staate und seinen Hilfskräften, sondern an jedem Tage aufs neue zu beweisen hat seine Fähigkeit, seine Kraft für die soziale Ordnung, ein solches Geistesleben, das ist ein gesunder Boden für alle Geistigkeit. Und geradeso wie Sie sich sagen, wenn Sie einen schlechten Weizen aufsprießen sehen, da ist ein unvollkommener Boden darunter —, so müßten Sie sich heute sagen: Daß wir keine Industriewissenschaft haben, daß wir dasjenige nicht haben, was wir wie das Brot selber brauchen zur Gesundung unseres Wirtschaftslebens, das rührt davon her, daß der Boden, auf dem die praktischen Wissenschaften gedeihen sollten, ungesund ist, daß das Geistesleben nicht aufsprießen läßt diejenigen Menschen, die die richtigen Leiter der kapitalistischen Verwaltung sind, diejenigen Menschen, die nun wirklich Vertrauen finden können in der breiten Masse derer, die arbeiten müssen.
Cite:
GA 330/1919-04-28/p015 · edition original