Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

GA 330/1919-04-28/p017 ·1919-04-28 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Glauben Sie mir, ich kenne alle die Einwände, die gemacht werden können gegen dasjenige, was ich eben gesagt habe. Ich weiß, daß sowohl von bürgerlicher wie von proletarischer Seite mir gesagt werden wird: Nun, wenn die Schule wieder frei werden wird, dann wird wieder Analphabetismus blühen und ähnliche Dinge. Sehen Sie, ich möchte vor allen Dingen eines anführen gegen die Einwände, die von sozialistischer Seite gegen das gemacht werden mögen, was ich jetzt eben ausgesprochen habe. Von sozialistischer Seite legt man einen großen Wert auf die sogenannte Einheitsschule. Man sagt sich, es darf in der Zukunft nicht mehr eine Ständeschule existieren, es müssen die Kinder aller Menschen in einer Einheitsschule wenigstens bis zum vierzehnten oder fünfzehnten Jahre unterrichtet werden. Nun gut, glauben Sie aber, daß eine andere Schule als eine Einheitsschule bestehen wird, wenn aus sachlichen Gründen der selbständige geistige Organismus, der vom Staate unabhängige geistige Organismus diese Schule einrichten wird? Ich habe ein kleines Büchelchen geschrieben: Die Erziehung des Kindes vom geisteswissenschaftlichen Standpunkte aus. Sie mögen zu diesem Standpunkte was immer für eine Stellung einnehmen. Ich kann jede gegnerische Stellung zu diesem Standpunkte voll begreifen; aber sehen Sie von dieser Stellung ab, sehen Sie ab von dem, was rein vom schulphilosophischen Standpunkte aus über eine solche Anschauung zu sagen ist, und Sie werden sehen, da wird, indem die Erziehung des Kindes besprochen wird, rein Rücksicht genommen auf dasjenige, was sich im Menschen bis zum Reifealter entwickelt. Da kommt man gar nicht darauf, wenn man aus sachlichen Gründen des Geisteslebens über die Konstitution einer Schule spricht, etwas anderes als eine Einheitsschule auszugestalten. Das wird ein Bedürfnis des vom Staate emanzipierten Geisteslebens sein, daß dieses Geistesleben sich jeden Tag aufs neue in seinen Vertretern wird als wirksam zu erweisen haben, daß es nur auf sich selbst gestützt seine wahre Wesenheit und Kraft dem sozialen Leben zur Verfügung stellen wird. Ein solches Geistesleben wird nicht in abstrakten Höhen leben, es wird nicht predigen. Ein solches Geistesleben wird nicht weltfremde Wissenschaftlichkeit hinter Mauern pflegen, es wird Menschen ausbilden, die, wenn sie die Gedanken dieser Geistigkeit in sich tragen, zu richtigen Leitern des Wirtschaftslebens werden, unseres so komplizierten, so viele Anforderungen stellenden Wirtschaftslebens.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/330/1919-04-28/p017.json
Cite: GA 330/1919-04-28/p017 · edition original