{"corpus":"steiner","locus":"GA 330/1919-04-28/p018","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Das Geistesleben ist durch den Staat nicht praktisch, es ist unpraktisch geworden, es ist abstrakt geworden. Ich habe seit Jahrzehnten denjenigen, zu denen ich sprechen durfte, immer wieder gesagt: Ihr kennt Lehren, Ihr kennt Theorien, die sich zum Beispiel zuspitzen zur Ethik, zur Moral, so daß den Menschen gepredigt wird «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst», oder gepredigt wird von Brüderlichkeit, von allgemeinem Mitgefühl und dergleichen. Mir kommen diese Predigten vor, wie wenn man zum Ofen, der im Zimmer steht, sprechen würde: Du, Ofen, so siehst du aus; deine Wesenheit fordert dich auf, das Zimmer warm zu machen, das ist deine Ofenpflicht, dein kategorischer Imperativ, so mache also das Zimmer warm! Beim Ofen nützt die Predigt so wenig wie beim Menschen. Darum handelt es sich, daß wir dem Ofen gar nicht predigen, daß wir aber Holz oder Kohlen hineinlegen und sie anzünden. Ebensowenig passen in unsere heutige soziale Ordnung noch diejenigen geistigen Betriebe, welche in abstrakter Höhe sich halten, es passen hinein allein diejenigen, welche wirklich den Zugang finden zu dem, was in dem Menschen lebt. Glauben Sie, daß wenn zum Beispiel seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts - aber das ist natürlich eine Hypothese - ein wahrhaft lebendiges Geistesleben bestanden hätte, man wäre ebenso unverständig dem Eisenacher, dem Gothaer, dem Erfurter Programm gegenübergestanden, wie man ihnen gegenübergestanden hat? Nein, nimmermehr! Auf dem Boden eines gesunden Geisteslebens hätte sich eine gesunde Industriewissenschaft, eine gesunde soziale Wissenschaft entwickelt. In der Sozialwissenschaft insbesondere haben wir immer das Pferd beim Schwanze aufgezäumt. Statt daß diejenigen, die berufen waren über soziale Ordnung, über Wirtschaftsordnung zu sprechen, irgendwie etwas gefunden haben, was zu geschehen hat, was hätte entsprechen können den Anforderungen des Proletariats, statt dessen haben die Herren dasjenige verzeichnet, was schon da war. Das ist es, was uns auf diesem Gebiete so tief heruntergebracht hat. Und der Proletarier, ihm war nichts anderes möglich, als an seinem Leibe die Folgen dessen zu erleben, was aus solchen Tatsachen heraus, wie ich sie dargestellt habe, mit der Wirtschaftsordnung, in die er eingespannt war, angerichtet wurde. Er sah von seinem Standpunkte an der Maschine, von seiner Einspannung in den seelenverödenden Kapitalismus hin auf das Geistesleben der leitenden, führenden Klassen. Nun ja gewiß, diese leitenden, führenden Klassen, die konnten nicht anders, als das Leben immer mehr und mehr demokratisch gestalten, sie riefen die breiten Massen der Menschheit zur Demokratie auf. Sie verfielen nach und nach auch darauf, von dem, was sie als Geistesleben pflegten, allerlei abzugeben an das Proletariat; Volkshochschulen wurden gegründet, Kunsthäuser, in denen dem Volke gezeigt wurde, was die anderen Klassen an Kunst hervorbringen und so weiter. Was sich da ausgestaltete — niemand soll natürlich ein Vorwurf gemacht werden, denn die Leute glaubten, das Rechte zu tun, was im Sinne des Fortschritts in der Demokratie lag -, aber was in Wirklichkeit in Szene gesetzt wurde, war nichts weiter als eine große LebensJüge. Man verstand sie nur nicht, diese Lebenslüge. Wenn man aufrief die breiten Massen des Proletariats, daß sie anschauen sollten die Bilder der Bürgerlichen, daß sie zuhören sollten bei den Schulkursen der Bürgerlichen, und wenn ihnen dann eingeredet wurde, sie verständen etwas davon, dann war das nicht wahr. Denn man kann auf dem Gebiete des Geisteslebens nichts erleben, wenn nicht das Erzeugte innerhalb der gleichen Gemeinschaft erzeugt ist. Indem eine tiefe Kluft sich auftat in bezug auf die sozialen Erlebnisse des Proletariats und des Bürgertums, war auch das angebliche Verstehen der bürgerlich-geistigen Hervorbringung von seiten des Proletariats weiter nichts als eine Lebenslüge.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft","site_heading":null,"date":"1919-04-28","location":null,"word_count":576,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/330/1919-04-28/p018","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/330/1919-04-28/p018"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/330/1919-04-28/p018","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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