Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft

GA 330/1919-04-28/p020 ·1919-04-28 · original (original)
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Ich will heute wegen der vorgerückten Zeit nur auf etwas hinweisen, aber auf ein Wichtigstes, auf den zweiten Kernpunkt der sozialen Bewegung der neueren Zeit. Ich will darauf hinweisen, wie eingeschlagen hat — wie gesagt, derjenige, den sein Schicksal dazu bestimmt hat, mit dem Proletariat zu denken, der hat es immer wieder und wiederum gesehen - in die Gemüter der Proletarier das Wort von Karl Marx, daß das moderne Proletariat leiden muß darunter, daß seine Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkte gekauft wird wie eine Ware, daß im Wirtschaftsleben nicht bloß zirkulieren Waren, sondern daß menschliche Arbeitskraft da zirkuliert. Die Entlohnung ist nichts anderes als das Kaufen der menschlichen Arbeitskraft wie eine Ware. Gewiß, der Proletarier war nicht so gebildet durch das Erbgut der bürgerlichen Wissenschaft, die er übernommen hat, daß er sich im Verstande deutlich machen konnte, was eigentlich vorlag. Und die proletarischen Führer hatten ja erst recht die bürgerliche Wissenschaft geerbt, sie konnten es erst recht nicht. Aber der Proletarier fühlte im Herzen gegenüber dem eben angeführten Wort von Karl Marx das Folgende. Er blickte zurück in alte Zeiten und sagte sich: Es gab einmal Sklaven, da konnte der Kapitalist den ganzen Menschen kaufen wie eine Kuh oder wie einen Gegenstand. Dann kam die Zeit der Leibeigenschaft, da konnte man schon weniger vom Menschen kaufen, aber immerhin noch genug. Dann kam die neuere Zeit, die Zeit, in der man dem Menschen weismachte, er sei ein freies Wesen. Aber der Proletarier konnte sich seiner Freiheit nicht erfreuen, denn er mußte jetzt noch immer etwas von sich verkaufen, nämlich seine Arbeitskraft. Man kann nicht die Arbeitskraft verkaufen wie etwas, das man erzeugt hat. Ein Wagenrad, ein Pferd kann man auf den Markt bringen und verkaufen und dann wieder zurückgehen, mit der Arbeitskraft muß man mitgehen. Da ist ein Rest von Sklaverei im wirklichen Leben, wenn auch noch so viel geredet wird und noch so viel wissenschaftlich gelehrt wird von der sogenannten Freiheit. Das war dasjenige, was sich in den Gefühlen des Proletariers festlegte, was auch hätte gefühlt werden müssen von einem wirklichen Geistesleben in den leitenden, führenden Kreisen. Aber indem man zwar die Demokratie mit Recht heraufbrachte, die dieses Gefühl großzog gegenüber der menschlichen Arbeitskrafl, war man kurzsichtig genug, diesem Gefühl durch keine Einrichtung entgegenzukommen. Jetzt endlich sprechen die Tatsachen so, daß unbedingt notwendig ist, als die zweite Kernfrage der sozialen Bewegung aufzuwerfen: Wie entkleidet man die menschliche Arbeitskraft des Charakters der Ware? Das ist nicht anders möglich, als daß man, wie man auf der einen Seite das Geistesleben aus dem angeführten Grunde abgliedern muß von dem eigentlich politischen oder Rechtsstaat, man auf der anderen Seite das Wirtschaftsleben abgliedert von diesem politischen oder Rechtsstaat, wenn man also drei selbständige soziale Organismen nebeneinanderstellt, die gerade dann eine richtige Einheit werden können, wenn sie selbständig sind. Dann werden sie einander organisch innerlich recht helfen, während die heute bestehende Einheit von Wirtschaftsleben, staatlichem oder Rechtsleben und Geistesleben uns eben in ein Chaos hineingeführt hat. Das Wirtschaftsleben nun, überlegen Sie sich, auf der einen Seite grenzt es an Naturbedingungen. Wie töricht wäre es, wenn irgendeine Korporation sich zusammensetzen und bestimmen würde aus den Bedürfnissen für das Jahr 1920 schon heute, was für Naturbedingungen notwendig seien, zum Beispiel wieviel Tage im Jahr es regnen und wieviel Tage Sonnenschein sein müsse, Das wäre eine Torheit selbstverständlich. Auf diesem Gebiet, wo das Wirtschaftsleben an die Naturgrundlagen grenzt, da begreift man diese Torheit, aber gegenüber der anderen Grenze, wo das Wirtschaftsleben an den von ihm freien Staat, der selber nicht wirtschaften darf, grenzt, da begreift man heute ein Ähnliches noch nicht. Selbst Walther Rathenau hat in seinem neuesten Schriftchen «Nach der Flut» betont, die Loslösung der Arbeitskraft vom Wirtschaftskreislauf würde einen ungeheuren Sturz der Geldwerte herbeiführen. Er kann sich eben gar nicht finden in das, was gerade durch die Befreiung des Wirtschaftslebens vom Staatsleben doch möglich sein wird — die Arbeitskraft herauszuziehen aus dem Wirtschaftsleben, um dem Wirtschaftsleben nichts zu lassen als dasjenige, was dem Menschen gegenüber objektiv, vom Menschen unabhängig ist. Der Arbeiter wird im Staat auf einem solchen Boden stehen müssen, auf dem jeder Mensch gegenüber dem anderen Menschen gleich ist. Das wird die Zukunft des vom Geistesleben und vom Wirtschaftsleben befreiten Staates sein, daß auf dem Boden dieses Staates sich alles entwickeln wird, was, es läßt sich genau abgrenzen, so in der Menschheit lebt, daß ihm gegenüber alle Menschen vollständig gleich dastehen.

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