Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
Als ich neulich in einer Stadt in der Schweiz über diesen Gegenstand sprach, da sagte mir ein sehr gescheiter Mensch in der Diskussion — gewiß, ich erkenne alle gescheiten Einwände an, ich bin mir bewußt, wieviel einzuwenden ist gegen das, was ich hier vorschlage; aber es ist aus der Wirklichkeit heraus, und daher ist soviel einzuwenden, wie in der Regel gegen die Wirklichkeit einzuwenden ist; gerade deshalb ist das Vorgeschlagene praktisch, weil zunächst soviel einzuwenden ist und weil wiederum den Einwänden in praktischer Weise begegnet werden muß, nicht mit Urteilen -, da sagte er: Ja, du willst nun den Staat mit seinem Recht und seiner Gerechtigkeit abgrenzen, aber es muß doch Gerechtigkeit herrschen, sowohl im Geistes- wie im Wirtschaftsleben! Ich erwiderte ihm mit einem Bilde: Ich stelle mir vor eine ländliche Familie, den Mann, die Frau, die Kinder, Knechte, Mägde und drei Kühe. Die Kühe geben Milch. Die ganze Familie braucht Milch, ist es deshalb just notwendig oder auch nur möglich, daß die ganze Familie auch Milch gibt? Nein, wenn die drei Kühe richtig Milch geben, wird die ganze Familie mit Milch versorgt sein, und es ist gar nicht notwendig, daß die anderen auch Milch geben sollten. So ist es mit den drei Gliedern des sozialen Organismus. Jedes der Glieder liefert gerade dadurch für die anderen Glieder dasjenige, was ihnen geliefert werden kann, weil es in seiner Emanzipation auf seine gesunde, wesenhafte Grundlage gestellt wird. Das ist es, was man sich vor allen Dingen gegenüber diesen wirklich praktischen, aus der Wirklichkeit herausgeholten sozialen Vorschlägen zu überlegen hat.
Cite:
GA 330/1919-04-28/p023 · edition original