Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
Seit mehr als einem Jahrhundert tönt durch die Menschheit hindurch eine dreifache Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Wer könnte sich verschließen der kräftigen Impulsivität dieser drei Ideale. Dennoch, sehr gescheite Menschen des neunzehnten Jahrhunderts, sie haben mit Recht, ich sage ausdrücklich mit Recht, die Widersprüche nachgewiesen zwischen diesen drei großen menschlichen Idealen und haben gesagt: Wenn man die Freiheit der Individualität entwickeln soll, wenn die Individualitäten wirklich nebeneinander zu ihrem Recht kommen sollen, wie soll da Gleichheit herrschen? Oder wiederum: Wie soll neben der Gleichheit, neben dem Ausbreiten des reinen Rechtes noch die Brüderlichkeit zu ihrer Geltung kommen? Nun, sehen Sie, es liegt hier ein kapitaler, fundamentaler Widerspruch vor. Warum? Weil diese drei großen Ideale der Menschheit, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit noch gefaßt worden sind in einer Zeit, wo die Menschen hypnotisiert von der Idee des Einheitsstaates lebten, jenes Einheitsstaates, der uns eigentlich in die heutige Katastrophe hineingeführt hat. Aber etwas Richtiges, etwas Hohes, etwas Gewaltiges war doch mit diesen drei Impulsen gefühlt, und dies kann erst realisiert werden, wenn man wissen wird, daß ein jedes dieser drei Ideale für das auf seinen eigenen Boden gestellte Glied des dreigliedrigen sozialen Organismus taugt. Es muß sich in der Zukunft entwickeln der freie geistige Organismus aus den Impulsen der Freiheit heraus, der staatliche, politische Organismus aus den Impulsen der Gleichheit heraus, der wirtschaftliche Organismus aus dem Prinzip der Brüderlichkeit großen Stiles über die Erfahrungen von Mensch zu Mensch, der Organisationen, der Assoziationen, der Genossenschaften und so weiter.
Cite:
GA 330/1919-04-28/p024 · edition original