Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft
Zu den einzelnen Punkten der Debatte wäre allerdings viel zu sagen, aber bei der vorgerückten Zeit eigentlich zu viel. Gegen einiges aber möchte ich mich doch wehren, anknüpfend an letzte Worte, die eigentlich von großem Wohlwollen gegen mich zeugten. Da möchte ich Ihnen nur empfehlen: Lesen Sie auf Seite 140 meiner Schrift «Die Kernpunkte der sozialen Frage in den Lebensnotwendigkeiten der Gegenwart und Zukunft»: «Die dargestellten einzelnen Lebenseinrichtungen werden gezeigt haben, daß es der zugrunde liegenden Denkungsart sich nicht, wie mancher meinen könnte — und wie tatsächlich geglaubt wurde, als ich hier und dort das Dargestellte mündlich vorgetragen habe -, um eine Erneuerung der drei Stände, Nähr-, Wehr- und Lehrstand, handelt. Das Gegenteil dieser Ständegliederung wird angestrebt.» Der Herr Vorredner sprach davon, daß man die Idee der Dreigliederung auch bei Plato findet. Nein, was ich Ihnen heute vorgetragen habe, ist das Gegenteil der Ständegliederung. Nicht die Menschen werden im Staate neu gegliedert, nicht die alten Stände werden aufgerichtet, nicht der platonische Gedanke wird verwirklicht, sondern das, was unabhängig vom Menschen ist, der soziale Organismus, er wird dreifach gegliedert, und der Mensch kommt dadurch zu seiner vollen einheitlichen Menschenwürde, daß er nicht in Klassen aufgeteilt wird. Dadurch, daß der soziale Organismus ein dreigliedriger wird, werden die Klassenunterschiede überwunden. Zwischen uns und Plato liegt eine Kluft. Wir müssen auch Plato gegenüber umdenken. Das muß ich auch wohlwollenden Worten gegenüber ausdrücklich bemerken. Es ist sehr wichtig, daß wir nicht das, was heute auftritt, mit irgendeiner alten Plato-Idee decken wollen.
Cite:
GA 330/1919-04-28/p030 · edition original