Die Zukunft von Kapital und menschlicher Arbeitskraft
Wenn man heute jene Forderungen kennenlernen will, welche aus den breitesten Schichten des Volkes aufsteigen, und in welchen sich zugleich bedeutungsvolle geschichtliche Notwendigkeiten zum Ausdruck bringen, dann hat man erstens nötig, wirklich den guten Willen zu haben, auf dasjenige hinzuhorchen, was angesichts der neuen Zeitlage heute das Notwendigste ist, um den besonderen Forderungen der Menschen eine Gestalt zu geben, welche in die Wirklichkeit der Menschheitsentwickelung sich einleben kann. Es sind die Verhältnisse in den letzten Jahren gegen früher so sehr anders geworden, daß sie als völlig Neues erscheinen, und doch können viele Menschen heute noch nicht loslassen von alten Denkgewohnheiten und alten Denkempfindungen, und sie haben keine Ohren, wenigstens keine geneigten Ohren für dasjenige, was am allernotwendigsten ist. Wir stehen ja heute vor Forderungen, die nicht von dieser oder jener Stelle ausgehen, die auch nicht von dieser oder jener Stelle aus propagiert werden können, — wir stehen heute tatsächlich vor den Forderungen der breitesten Massen, die aus den Untergründen des Menschheitsempfindens, Menschheitserlebens und Menschheitswollens heraufkommen. In dieser Zeit ist vor allen Dingen notwendig Vertrauen, Vertrauen der Menschen untereinander, Vertrauen der Menschen zu denjenigen, die über die Forderungen der Zeit etwas zu sagen haben. Vertrauen vor allen Dingen, das sich nicht auf etwas Persönliches begründet, sondern Vertrauen, das sich einzig und allein auf die Sache begründet. Da merken wir heute etwas sehr Bedeutsames. Man kann sagen, es ist, wenn man den Zugang zu gewinnen versteht zu den breitesten Volksmassen, verhältnismäßig leicht, Vertrauen zu gewinnen. So sonderbar es sich ausnimmt, gesagt muß es einmal werden: Vertrauen zu gewinnen ist heute um so leichter, je mehr man zu denjenigen Menschen spricht, welche durch die bisherige Wirtschafts-, Rechts- und Geistesordnung gewissermaßen entwurzelt worden sind mit Bezug auf die menschlichen Lebensgüter, welche angewiesen sind, für ihre Lebensgestaltung sich lediglich auf dasjenige zu stellen, was die Kraft ihrer eigenen Person, was die Kraft ihrer Arbeit ist.
Cite:
GA 330/1919-05-13/p005 · edition original