Die Zukunft von Kapital und menschlicher Arbeitskraft
Damit komme ich zu dem zweiten, das berücksichtigt werden muß außer der sozial-psychologischen Tatsache des Vertrauensuchens. Aus der großen Masse des Proletariats und der sozial Denkenden erhebt sich der Ruf, und er erhebt sich schon lange, nach einer irgendwie gearteten Sozialisierung der Produktionsmittel, die ja im wesentlichen für das Proletariat dasselbe sind wie das Kapital. Derjenige, welcher in dem Sinne, wie ich es in meinen zwei letzten Vorträgen hier auseinandergesetzt habe, sich einläßt auf die Entwickelung der sozialen und sozialistischen Ideen des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts, der kann darauf kommen, daß in diesem Rufe nach Sozialisierung der Produktionsmittel etwas liegt, was dem Allerberechtigtsten entspricht, das man nur erschauen kann in der neueren Entwickelung der Menschheit. Wer aber auf sich wirken läßt die Tatsachen, wie sie sich gewandelt haben durch die Weltkatastrophe, für den wird es nicht schwer sein, auch zu durchschauen, wie unzulänglich viele von denjenigen Gedanken, Parteimeinungen und dergleichen, die auch auf sozialistischer Seite sich geltend gemacht haben, jetzt geworden sind, wo die Tatsachen sich aus der Weltkatastrophe heraus mächtig und laut erheben und nach Gestaltung suchen. Jetzt müssen die Fragen aufgeworfen werden: Wie können wir das soziale Leben gestalten? Wie führt der Weg zu dem, was als ein gutes Ziel hingestellt wird: Sozialisierung der Produktionsmittel? Wie kommen wir zu solchen Ideen, die uns nicht nur das Ziel zeigen, das aus Leid und Entbehrungen herausgeborene Forderungen befriedigen kann, sondern die uns den Weg eröffnen zu diesem Ziele hin? Das ist es, was sich die Dreigliederung des sozialen Organismus zur Aufgabe macht, den Weg zu finden zu einem Ziele, das die breitesten Massen der Menschheit als ihr berechtigtes anerkennen, das sie als solches fühlen, ja bis zu einem gewissen Grade auch verstehen. Immer wieder muß ich betonen, dasjenige, was ich hier zu sagen habe, es ist nicht aus irgendeiner grauen Theorie hervorgeholt, es ist nicht entstanden aus der Gelehrsamkeit heraus, es ist entsprungen aus dem wirklichen Leben und seinen gegenwärtigen weittragenden Forderungen. Aber man macht sich zuweilen Gedanken darüber, wie sich die Zeitentwickelung, wie sich die Menschengedanken zu so etwas stellen, das man herausgeholt hat gerade aus den Untergründen des Lebens. In der Form, in der heute der Ruf nach Sozialisierung ertönt, stammt er ja von einer bedeutsamen welthistorischen Kundgebung, von dem sogenannten Kommunistischen Manifest des genialen Karl Marx. Und im Grunde genommen, was erlebt worden ist bis heute und was weiter erlebt werden wird an sozialen und sozialistischen Impulsen, es werden Zweige und Sprossen sein desjenigen, was in der Wurzel gegeben ist mit diesem Kommunistischen Manifest. Aber es ist merkwürdig, in demselben Jahr, in dem das kommunistische Manifest erschienen ist, erschien ein ehrliches, ein wirklichkeitsgemäßes Buch. Und die Gedanken dieses Buches, sie sind entsprungen aus der Seele eines Menscheh, der schon das Leben kannte, der auch geneigt gewesen wäre, sich restlos schon dazumal als Sozialist zu bekennen, wenn er es nach seinen Lebenskenntnissen gekonnt hätte. Es ist Bruno Hildebrand, der damals das Buch geschrieben hat, ein scheinbar anspruchloses Buch, ein symptomatisches Buch aber, ein Buch, das gründlich berücksichtigt werden sollte: «Die Nationalökonomie der Gegenwart und Zukunft». Ich erwähne das heute hier einleitungsweise aus einem ganz bestimmten Grunde. Wenn Sie alles dasjenige zusammennehmen, was von den Gegnern des Sozialismus seit dem kommunistischen Manifest Erhebliches vorgebracht worden ist, so können Sie wie im Extrakt klar alles das schon finden in dem Werke von Bruno Hildebrand aus dem Jahre 1848. Was liegt eigentlich dem Impulse dieses merkwürdigen Mannes zugrunde? Er sagte sich, ich muß mir vorstellen, wie da aussehen würde eine Gesellschaftsordnung, die rein sozialistisch gestaltet wäre! Er malt sich gewissermaßen aus eine solche sozialistisch gestaltete Gesellschaftsordnung. Würde er sie für möglich halten können, das merkt jeder aus den Ausführungen des Mannes, dann würde er sich sogleich dazu bekennen. Er kann sie nicht für möglich halten nach seinen Anschauungen. Warum? Nicht etwa, weil er glaubt, daß einzelne Menschen, die mit ihrem Erworbenen, Ererbten oder sonstwie an sie Gekommenen in die neuere Zeit hinübersegeln wollen, etwa unter die Räder kämen, sondern aus dem Grunde, weil ihm als einem Wirklichkeitsdenker, einem echt praktischen Denker klar wird, diejenigen, die den Sozialismus wollen, so wie sie sich ihn selber vorstellen, sie würden sich in kürzester Zeit unglücklich fühlen müssen in einer solchen sozialistischen Gesellschaftsordnung. Und warum müssen sie sich unglücklich fühlen? Der Mann führt das alles an. Er zeigt, wie viele von den berechtigten Kräften des Menschen naturgemäß verschwinden müßten, wenn eine sozialistische Struktur die menschliche Gesellschaft ergriffe. Er führt an, wie unmöglich sich gerade in der sozialistischen Gesellschaft auf die Dauer das Verhältnis von Kapital und Arbeit herstellen ließe.
Cite:
GA 330/1919-05-13/p007 · edition original