Die Zukunft von Kapital und menschlicher Arbeitskraft
Das ist gerade das, was heute in dieser sozial aufgewühlten Zeit so furchtbar fehlt, der Wille, aufzubauen auf Vertrauen. Oh, dieses Vertrauen, es wird vorhanden sein, je mehr und mehr Prüfungen über die Menschen kommen, und ich würde verzweifeln müssen an der Menschheit, wenigstens an dem Neuaufbau gesunder Verhältnisse, wenn ich nicht mehr glauben könnte, daß ein Mensch den Weg zum anderen Menschen durch Vertrauen wird finden können. Denn, meine sehr verehrten Anwesenden, sozialisieren Sie soviel Sie wollen, reden Sie von Sozialisierung soviel Sie wollen, eines wird dieser Sozialisierung zugrunde liegen müssen: die Sozialisierung der Seelen. Wer nicht sucht den Weg zur Sozialisierung der Seelen, der mag außen sozialisieren, soviel er will, er wird die Menschen in anarchistischere Zustände hineinführen als dasjenige ist, was der Vorredner als eine Art von Anarchismus hat hinstellen wollen. Und nicht anders heißt der Seelensozialismus als Vertrauen. Aber an diesem Vertrauen muß eben gearbeitet werden. Und heute, ist dieses Vertrauen nicht ein wenig erschüttert? Meine sehr verehrten Anwesenden, ich bin mit dem, was soziale Bewegung des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts ist, seit langem verknüpft. Ich habe gearbeitet darin; ich weiß es. Was der verehrte Vorredner gesprochen hat, man hat es immer wieder und wieder aussprechen hören können gegen dasjenige, was ich heute gesagt habe. Abgesehen von der Dreigliederung, sind dieselben Einwände, die der Herr Vorredner mir heute gemacht hat, von anderen schon gemacht worden um 1898, 1899. Das aber ist das Notwendigste, daß wir hinauskommen über die alten Gedanken, daß wir umlernen können, daß wir nicht beim alten stehenbleiben. So schmerzlich es mir auszusprechen ist, ich glaube, daß diejenigen uns am meisten zurückhalten, die sich nicht überwinden können, aus ihren alten Vorurteilen herauszukommen. Und die Herren, welche die Methode anwenden, die Sätze erst halb oder ganz umzudrehen, um dann gegen ihr Eigenes zu polemisieren, haben immer leichtes Spiel, weil selbstverständlich nach dem einmaligen Anhören eines Vortrages nicht alle verstehen werden, wie die Sachen gemeint sind, wie sie, wenn sie sich in die Wirklichkeit hineinstellen, aufgefaßt werden müssen. Denn gerade dasjenige, was nicht Theorien, nicht bloß gutem Willen entspricht, sondern das herausstammt aus einer gewissenhaften, der Verantwortlichkeit bewußten Lebenserfahrung, Lebensbeobachtung, gerade das kann nicht in einer Stunde erschöpft werden, sondern dafür können nur Anregungen gegeben werden. Aber diese Anregungen, von ihnen habe ich seit der Zeit, und es ist ja schon ziemlich lange her, seit ich von der Dreigliederung spreche, immer wiederum gesagt: Mag sein, daß die Einzelheiten bei ihrer Verwirklichung ganz anders sich ausnehmen werden als das, was ich selbst beispielsweise über diese Einzelheiten sage. Mir kommt es darauf an, daß der Bauplan der Wirklichkeit entnommen ist und sich in die Wirklichkeit hineinleben kann, daß er wirklichkeitsgemäß ist. Und deshalb, weil ich glaube, daß nicht subjektiver menschlicher
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GA 330/1919-05-13/p037 · edition original