Die Aufgaben Derschulen und der Dreigliedrige Soziale Organismus
Gewiß, wir haben großes Unglück erlebt, wir werden noch manches Unglück erleben. Aber haben wir nicht gerade im Unglück gesehen, was wir, wenn wir nur ein genügendes Auge dafür gehabt hätten, auch schon im Glück hätten sehen können — haben wir nicht als eine Grundeigenschaft des gegenwärtigen Menschen gesehen, daß er eigentlich nicht diejenige innere Seelenstärke während der Kindheit entwickelt hat, durch die er sich so ins Leben hineinstellen könnte, daß das Schicksal des Lebens sein Denken, sein Fühlen, sein Wollen nicht knicken kann? Mehr als man glaubt, sind heute die geknickten Charaktere, die geknickten Naturen in allen Ständen vertreten. Man sieht es an den dunkeln, nebulosen Gedanken und Vorstellungen, die sich die Menschen heute machen über die ganze zivilisierte Welt hin über die furchtbaren Ereignisse, die hereingebrochen sind. Kann sich denn eigentlich heute einer vorstellen, wie das gekommen ist? Kann er überhaupt noch irgend etwas im Leben übersehen? Fühlt er sich noch stark genug, nun auch wirklich sich tatkräftig ins Leben einzufügen? Geknickte Menschennaturen, mehr als man glaubt, sind eigentlich unsere heutigen Zeitgenossen! Und wir müssen auch nach dem Grunde fragen, warum die Schule nicht das wirken konnte, was im Menschen einen festen Halt für das Leben erzeugen würde, so daß er nicht durch das Leben und sein Schicksal geknickt werden könnte?
Cite:
GA 330/1919-06-19/p010 · edition original