Die Aufgaben Derschulen und der Dreigliedrige Soziale Organismus
Sie bedeuten doch im Grunde genommen, daß viel mehr, als es bisher der Fall war, dasjenige, was in der staatlichen und wirtschaftlichen Gemeinschaft geschieht, in den Willen des einzelnen Menschen gestellt wird. In der Demokratie will der einzelne Mensch ein höheres Maß von Teilnahme an den Staatseinrichtungen haben, bis in die sehr niedergehaltenen Proletarierkreise hinein, als er bisher hatte. In der Sozialisierung will der Mensch wieder einen individuellen, einen persönlichen Einfluß, einen weitgehenden Einfluß haben auf das Wirtschaftsleben. Man braucht sich nur oberflächlich zu erinnern, wie die Zustände in früheren Zeiten waren, und man wird sich sagen müssen, die menschliche Gemeinschaft war eine viel gebundenere. Der einzelne war viel mehr geneigt, auf Traditionen, Gebrauch, Herkommen hin sich in das hineinzufügen, was von der Obrigkeit, was von sonstigen Autoritäten über ihn verhängt worden ist. Aus dieser Obrigkeitsgesinnung, aus diesem Autoritätsgefühl will sich der Mensch durch Demokratie und Sozialisierung herauswinden. Und indem man diesen Forderungen, namentlich auf sozialistischer Seite, Rechnung tragen will, was fordert man da nun eigentlich für die Schule? Man fordert für die Schule auch Sozialisierung. Man stellt sich vor, daß dasjenige, was unter den Erwachsenen nun im staatlichen und wirtschaftlichen Leben auftreten soll, vielleicht ein bißchen abgeschwächt, aber doch einem gewissen Grade nach auch in der Schule Platz greife. In einem Programm, das ein sozialistischer Denker verfaßt hat, steht auch, daß in der Zukunft abgeschafft werden soll -— man will ja heute alles «abschaffen», das ist die größte Sorge der Leute, wie man es neu einrichtet, darum kümmern sie sich weniger —, daß abgeschafft werden soll die Autorität des Rektors, des Direktors. Man will auch die Autorität des Lehrers selber einschränken bis zu einem gewissen Grade, und man spricht von Schulgemeinden mit einer gewissen Selbstverwaltung der Schüler, wo sich der Lehrer kameradschaftlich in die Schulgemeinde hineinstellen soll. Und mit Ausschaltung des Rektorats und des Direktorats sollen dann diejenigen Menschen heranwachsen, die dann besonders geeignet sein sollen für Demokratie und Sozialismus. Das heißt also, man will das, was als eine Entwickelungsforderung der Menschheit auftritt für die Verhältnisse der Gemeinschaft der Erwachsenen, eigentlich auch schon für die Kinder einrichten. Aber dabei wird etwas vergessen. Und daß dies vergessen wird, das zeigt, wie schlechte Psychologen, wie schlechte Seelenforscher eigentlich unsere Zeit heute hat. Denn gute Seelenforscher könnten niemals denken: Werden die Bande der Menschen unter den Erwachsenen schlaffer, dann mache man auch die Bande unter den aufwachsenden Kindern schlaffer. - Denn gute Seelenforscher würden gerade das Gegenteil davon sagen. Sie würden sagen, nun ja, wenn schon einmal die Zeitforderung da ist, daß unter den Erwachsenen die Bande der Menschengemeinschaft schlaffer werden sollen, damit mehr Demokratie und Sozialismus sein soll, dann müssen um so mehr die Kinder so erzogen werden, daß sie fähig werden im späteren Leben zu Demokratie und Sozialismus. Denn wenn sie als Kinder schon so erzogen werden, daß unter ihnen in der Organisation der Schule möglichst Demokratie und Sozialismus herrscht, dann werden sie ganz gewiß im späteren Leben zur Demokratie und zum Sozialismus nichts mehr taugen.
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GA 330/1919-06-19/p016 · edition original