{"corpus":"steiner","locus":"GA 334/1920-01-07/p012","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Und jetzt stellt sich etwas sehr Merkwürdiges heraus, wenn man nicht nur nach der einen Seite hin, nach der des Vorstellungslebens Übungen macht, sondern wenn man auch nach der Seite des Willenslebens Übungen macht. Wir Menschen leben, ich möchte sagen, so, wie Faust das Leben durchmacht, der da sagt: Ich bin nur durch die Welt gerannt. -— Wir rennen durch die Welt. Gewiß, wir machen eine Entwickelung durch zwischen Geburt und Tod, von Monat zu Monat, von Jahr zu Jahr, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt; aber wir machen diese Entwickelung durch, indem wir uns gewissermaßen der äußeren Objektivität überlassen‘ Hand aufs Herz, wie viele Menschen tun es denn anders, als sich vom Leben, sei es vom Kindesleben, wo die Erwachsenen sie erziehen, sei es von dem späteren Leben und seinem Schicksal tragen lassen? Sie werden vollkommener, weil die Welt sie vollkommener macht. Aber was tun denn die meisten Menschen anderes, als daß sie sich eben dem Strom des Lebens überlassen? Mit diesem Sich-Überlassen dem Strom des Lebens kommt man allerdings nicht auf den hier gemeinten geisteswissenschaftlichen Weg. Da ist notwendig, daß man in Selbsttätigkeit seine Selbstzucht übernimmt, daß man tatsächlich an sich so arbeitet, daß man nicht nur durch das Leben, das an einen durch das Schicksal herantritt, sich weiterentwickelt, sondern daß man sich weiterentwickelt dadurch, daß man sich vornimmt: du willst dir diese oder jene Gesinnungsrichtung einpflanzen. Jetzt arbeitet man daran, diese Gesinnungsrichtung sich einzupflanzen. Man kann im kleinen, man kann im großen so etwas unternehmen. Aber es ist ein großer Unterschied, ob man irgend etwas an sich selbst, in der Zucht seines eigenen Wesens nur ausführt, indem man sich dem Leben überläßt, oder ob man diese Zucht des eigenen Selbst wiederum durch das eigene Selbst in die Hand nimmt. Man lernt durch dieses In-die-Hand-Nehmen den Willen in seiner Wirksamkeit kennen; denn man lernt erkennen, was für Widerstände diesem Willen entgegenstehen, wenn man ihn nun in Selbstzucht kultivieren will. Oh, man lernt auf diese Weise allerlei kennen, man verstärkt vor allen Dingen die eigenen Kräfte des Geistig-Seelischen, und man wird sehr bald bemerken, wenn man solche Übungen in Selbstzucht ausübt - aber man muß sie jahrelang ausüben -, daß einem dann innere Kräfte zuwachsen. Diese inneren Kräfte, die sind von solcher Art, daß wir sie nicht in der äußeren Natur finden. Sie sind von solcher Art, daß wir sie auch nicht in dem gewöhnlichen Seelenleben finden, das wir vor unseren Übungen in uns getragen haben. Diese Kräfte entdecken wir erst, wenn wir eben eine solche innere Übung mit uns anstellen. Diese Kräfte sind zu etwas ganz Bestimmtem imstande: Sie sind imstande, die moralischen Antriebe, die sonst wie instinktiv, wie unbestimmt und getrennt von den Erkenntnisfähigkeiten aufquellen in der Seele, in unser eigenes Selbst viel bewußter aufzunehmen. Aber verstehen Sie mich recht, nicht in das Selbst, das wir entwickeln in unserem Leibe, sondern in dasjenige Selbst, das wir entwickeln, wenn wir auf die vorhin geschilderte Weise aus unserem Leibe heraustreten mit unserer Imagination. Nicht können wir die wahre Gestalt der moralischen Antriebe in unseren sinnlichen Leib, in unser sinnliches Erkennen hereinbekommen; aber wir bekommen das, was so isoliert dasteht, daß Kant es ganz isoliert als kategorischen Imperativ hinstellte, wir bekommen das herein in unser Selbst, das sich vom Leibe getrennt hat.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"3. Die sittlichen und religiösen Kräfte im Sinne der Geisteswissenschaft","site_heading":null,"date":"1920-01-07","location":null,"word_count":540,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/334/1920-01-07/p012","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/334/1920-01-07/p012"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/334/1920-01-07/p012","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.","evidence":null,"evidence_translation":null,"evidence_source":null}}