5. Die geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volksleben

GA 334/1920-03-18/p009 ·1920-03-18 · original (original)
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Man hat eben nicht gewußt, daß es möglich ist, das Denken des Menschen mit dem Willen so zu durchdringen, daß bei diesem wohlgeschulten, willengetragenen Denken ebenso jede Willkür verschwindet, wie sie verschwindet gegenüber jenem Denken, das sich nur mit äußeren Tatsachen oder mit Experimenten befaßt. Um ein solches Denken, das vom Willen durchdrungen ist, aufzufinden, dazu gehören allerdings mit Energie, Sorgfalt und Geduld vollbrachte innerliche Seelenübungen. Dazu gehört, daß der Mensch, der ein Geistesforscher werden will, der wirklich eindringen will in die geistige Welt, aus der allein heraus Erkenntnis des Menschen erfließen kann, daß der Mensch sich immer wieder und wiederum durch lange Zeiten und mit innerlicher Seelenmethodik Gedanken vorhält, an denen er nichts anderes entwickelt, als innerliches Wollen, daß er an diesen Gedanken ein solches Wollen entwickelt, wie man es sonst nur in der äußeren Welt entwickelt. In der äußeren Welt liebt man, haßt man, man nimmt diese oder jene Tätigkeit auf, weist diese oder jene Tätigkeit ab. Man hat es in der äußeren Welt zu tun mit etwas, worüber man bloß Ansichten haben kann. Man hat es mit dem zu tun, was Krisen in sich enthält. Dasjenige, was man da in der äußeren Welt durch seinen Willen erkennt, oder wovon man bekämpft wird, das muß man hineintragen, wenn man Geistesforscher werden will, in die Welt seiner Gedanken, und man wird nach und nach bemerken, daß diese Gedanken wirklich willengetragene Mächte werden, von innerer Gesetzmäßigkeit durchtränkt. Sie müssen nur das, was ich jetzt eben in scheinbarer Abstraktheit gesagt habe, so hinnehmen, daß die Arbeit, die damit charakterisiert wird, die innere Seelenarbeit, eine solche ist, die lange Zeit in Anspruch nimmt, die wahrhaftig nicht weniger methodisch, wenn auch auf geistigem Felde, durchgeführt wird, als alles dasjenige, was wir mit den exaktesten Präzisionsinstrumenten für unsere chemischen oder physikalischen Experimente durchführen. Wie der Chemiker oder der Physiker exakt seine Experimente durchführt, so führt der Geistesforscher dasjenige durch, was Abwägen des einen Gedankens an dem anderen ist, Wirkung des einen Gedankens auf den anderen. Er kommt dadurch dazu, daß das abstrakte Denken, das gerade unter dem Einfluß des naturwissenschaftlichen Forschens im Laufe der drei bis vier letzten Jahrhunderte sich herausgebildet hat, zu einem innerlich lebendigen Denken aufsteigt, zu einem Denken, das mehr ein Bildanschauen geistiger Art ist als das gewöhnliche abstrakte Denken. Das ist die eine Seite, die ausgebildet werden muß zu wirklicher Menschenerkenntnis, weil es unmöglich ist, jenes abstrakte Denken zu gebrauchen für diese Menschenerkenntnis, die eine Geist-Erkenntnis sein muß, eine Geistanschauung, das in der Naturwissenschaft seine großen Triumphe feiert. Allein dieses Denken, das in der Naturwissenschaft voll am Platze ist, dieses Denken hat insbesondere im sozialen Leben im weitesten Sinne gewisse, ich möchte sagen, unmögliche Ergebnisse. Je abstrakter unser Denken wird, desto rechthaberischer im einzelnen Menschen wird es. Gewiß, man wird sehr kritisch, man wird gewissenhaft, man wird methodisch, wenn man das in den letzten drei bis vier Jahrhunderten großgezogene Denken anwendet. Aber man wird doch in bezug auf seine soziale Eingliederung in die ganze Menschheit oder in einen Teil der Menschheit rechthaberisch. Man forsche nur einmal nach und man wird sehen, wenn man sich an das Denken hält, das die Naturwissenschaft groß gemacht hat: Man gewöhnt sich daran, immer recht zu haben — und der andere hat auch recht! Und die Menschen, das würde das Extrem sein, könnten sich im Grunde genommen eigentlich gar nichts mehr mitteilen.

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