5. Die geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volksleben
Das andere ist, daß gerade unter dem Einfluß dieser Denkweise, wie sie in der naturwissenschaftlichen Weltanschauung hervorgetreten ist, der Mensch auch dazu gekommen ist, gegenüberzustellen dem willensentblößten Denken das gedankenentblößte Wollen. Aus dieser Zweiheit besteht im Grunde genommen der heutige Mensch, aus jenem Seelenelemente, das man nicht anders bezeichnen kann, als willensentblößtes Denken, und aus dem anderen Seelenelemente, das man bezeichnen muß als gedankenentblößtes Wollen. Geisteswissenschaftliche Erkenntnis, sie sucht ebenso, wie sie den Willen hineinzuschieben versucht in das Denken, den Menschen, der ein Geistesforscher werden will, dazu zu bringen, seinen eigenen Handlungen, seinen eigenen Willensergebnissen mit einer solchen Objektivität gegenüberzustehen, wie man sonst nur gegenübersteht äußeren Tatsachen. Der Mensch muß werden, wenn er sich auf den Weg des Geistesforschens begibt, ein treuer Beobachter dessen, was er selber tut, was er selber will. Gewissermaßen muß er sich ideell zunächst herausheben und muß wie in einem Höheren von sich selbst neben sich einhergehen. Und dieses Höhere neben sich selbst muß den Menschen so beobachten in allem, was er tut, wie man sonst nur beobachtet, wenn man äußere Naturtatsachen oder das Experiment beobachtet. Denn dann lernt man an etwas Gedanken entwickeln, was gerade in den letzten drei bis vier Jahrhunderten am allermeisten, besonders bei gewissen radikalen extremen Kreisen, nur beherrscht und impulsiert wird von den persönlichsten Emotionen. Man lernt erkennen dasjenige in Gedanken, worauf man sonst eigentlich gar nicht sieht, dessen Gedanken sonst völlig im Unbewußten bleiben.
Cite:
GA 334/1920-03-18/p013 · edition original