5. Die geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volksleben
Nun sind es gerade die Jahre vom Zahnwechsel bis zu der Geschlechtsreife, in denen man das Kind zu betreuen hat in Unterricht und Erziehung während seiner sogenannten Volksschulzeit. Aber auch in dieser Zeit kann man noch gewisse Epochen, Unterepochen unterscheiden. Dasjenige, was als Nachahmungstrieb aus der innersten Wesenheit des Menschen heraus bis zum siebenten Jahre waltet, es erstreckt sich noch in seiner Abschwächung, aber deutlich sich offenbarend, über das siebente Jahre hinaus bis ins neunte Lebensjahr hinein. Und derjenige, der sich aneignet durch Geisteswissenschaft einen lebendigen Sinn, wie in jedem einzelnen Kinde zum Vorschein kommt dieses Zusammenspielen von Nachahmungsfähigkeit, von Autoritätsbedürfnis in allem Lernen und gegenüber aller Erziehung, der wird in jedem Kinde, selbst wenn er die größte Klasse vor sich hat, ein eigenes Erziehungsproblem sehen können. Denn ein solcher Mensch als Erzieher und Lehrer wird nicht hingegeben sein können irgendeiner Normpädagogik, nicht einer Pädagogik, die wiederum abstrakte Grundsätze etwa aufstellt aus dem Intellektualismus heraus: so muß man erziehen, oder so muß man erziehen — nein, derjenige, der durch Geisteswissenschaft zum Lehrer geworden ist, der sieht in dem werdenden Kinde etwas, was der Künstler in jedem einzelnen, das er schafft, sieht: immer wieder ein Neues und ein Neues. Da gibt es nicht abstrakte pädagogische Grundsätze, da gibt es ein lebendiges Sich-Hineinfinden in das Kind, ein Herausschaffen aus dem Kinde selbst, ein Rätsellösen desjenigen, was im Kinde verborgen ist, was durch die Leiblichkeit als ein Geistig-Seelisches heraus will. Denn das ist das Eigentümliche beim Geist-Erkennen, das vor allen Dingen in der Erziehungskunst zur Anwendung kommen muß, daß dieses Geist-Erkennen den Menschen zurückführt zur unmittelbaren Lebendigkeit. Das ist beim Intellektualismus, beim abstrakten Erkennen nicht der Fall. Wenn ich abstrakt irgend etwas aufgefaßt habe, nun, da habe ich es aufgefaßt, da trage ich es dann weiter ins Leben fort. Da erinnere ich mich höchstens an dasjenige, was ich schon gelernt habe. So ist es bei der Geist-Erkenntnis nicht. Derjenige, der nur einige Schritte in dieser Geist-Erkenntnis gemacht hat, der weiß, daß diese Geist-Erkenntnis nichts gibt, woran man sich bloß erinnern kann. Ebensowenig gibt Geist-Erkenntnis etwas, woran man sich bloß erinnern kann, wie dasjenige, was ich heute gegessen und getrunken habe, mir etwas geben kann, woran ich mich morgen und die folgenden Tage bloß erinnern kann; man ist nicht zufrieden als Mensch, wenn man sich nur erinnern soll an dasjenige, was man gegessen hat vor vier Wochen. Aber man ist zufrieden als Mensch, der eine abstrakte Erkenntnis aufgenommen hat, wenn man sich an das erinnert, was man vor vier Wochen gelernt hat oder sich angeeignet hat. Mit Geist-Erkenntnis ist es nicht so. Geist-Erkenntnis verwebt sich dem menschlichen Wesen, geht hinunter, wird verdaut und muß immer neu belebt werden, geht so hinein in die Erscheinungen des Lebens.
Cite:
GA 334/1920-03-18/p018 · edition original