5. Die geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volksleben

GA 334/1920-03-18/p020 ·1920-03-18 · original (original)
Record: unknown. How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. Unknown is not an assurance of a stenogram: check the edition's own notes before resting an argument on one word.

Indem man so etwas ausspricht, sollte die Welt erkennen, wie radikal verschieden diese Geist-Erkenntnis von derjenigen ist, von der man heute glaubt, daß sie die einzig mögliche ist. Aber stellen Sie sich vor, diese Geist-Erkenntnis durchdringend alles dasjenige, was der Erzieher und der Unterrichter tun will, so durchdringend seine Handlungen, seine Gedanken, wenn er das Schulzimmer betritt, wie das Eisen unser Blut belebt - stellen Sie sich vor eine Gesinnung, die aus einer Geist-Erkenntnis kommt und die weiß: du mußt jedes einzelne Individuum besonders anfassen, du kannst dir nichts merken, du mußt jedem Kinde als einem neuen Rätsel gegenüberstehen — das gibt erst eine wirkliche Pädagogik, eine lebensvolle Pädagogik. Man redet heute viel davon, man soll die Individualität erziehen. Man gibt auch allerlei schöne abstrakte Grundsätze darüber dadurch wird man nichts erreichen. Erreichen für unsere Leben fordernde Zeit wird man nur dadurch etwas, daß man eine Pädagogik als Kunst begründet. Diese Pädagogik als Kunst, die hineinschaut jederzeit aufs neue in den Menschen, sie vergißt die Erkenntniswissenschaft, wie der Künstler alle Ästhetik und alles wegwirft, wenn er positiv schaffen will. Was nützen uns alle Grundsätze über das Schöne, wenn wir den Ton formen wollen! Derjenige, der weiß, was künstlerisch Schaffen ist, der gibt mir recht darin. Was nützen uns alle pädagogischen Regeln, wenn wir dasjenige, was als Seelisch-Geistiges im Kinde ist, zu enträtseln beginnen und entwickeln sollen? Da handelt es sich darum, daß wir als Pädagogen zu Künstlern werden. Das können wir werden, wenn in unsere Zivilisation Geisteswissenschaft als ein lebendiger Bestandteil eindringt. Dann werden wir aber auch sehen, wie wir in der Zeit, wo zwischen dem siebenten und neunten Jahre der Nachahmungssinn mit dem Autoritätssinn sich die Waage hält, wie wir da gerade den Willen ausbilden müssen, wie wir da nicht auf den Intellekt des Kindes zu große Bedeutung legen dürfen. Da dürfen wir vor allen Dingen nicht unkünstlerisch an das Kind heranbringen, was durch menschliche Konvention festgelegt ist. Wir dürfen nicht dasjenige, was bloß zum Intellekt spricht, als Konvention an das Kind heranbringen. Das sind auch die Buchstabenformen, das ist auch Schreiben, Lesen. All das beruht, so wie wir es heute haben, denn wir sind nicht mehr in der Zeit der alten Bilderschrift, auf menschlicher Konvention. Wir müssen davon loskommen. Daher wird in der Waldorfschule versucht, Lesen und Schreiben — zunächst Schreiben — aus dem Künstlerischen hervorzurufen. Es wird versucht, zuerst solche Formen zu zeichnen, ja auch zu malen, aus denen sich dann aufbauen lassen die Buchstabenformen; also erst das Künstlerische, daraus dann das Intellektualistische. Damit aber dasjenige, was eigentlich die Kindesnatur begehrt in diesem Zeitalter, in der richtigen Weise aufsprossen kann, muß alles auf diesen künstlerischen Unterricht angelegt sein. Und jetzt, wo wir erst einige Monate in der Waldorfschule unseren Unterricht geben, jetzt sehen wir, wie wirklich aus dem Künstlerischen sich heraus arbeiten läßt, wie es möglich ist, vor allen Dingen im Musikalischen, im Gesanglichen, im Eurythmischen, in beseelter Tonkunst — denn das ist für das Kind noch die Eurythmie -, wie es möglich ist, in alledem dem Kinde etwas zu geben, das seine Natur fordert, das seine Natur will, das aber zu gleicher Zeit den künstlerischen Sinn biegsam macht, den künstlerischen Sinn geneigt macht, die ganze Welt in künstlerischer Weise entgegenzunehmen. Dann kann man, wenn das neunte Jahr herankommt, wo der Mensch sein Verhältnis setzen kann zwischen dem Ich und der Außenwelt, dann kann man experimentell zusteuern auf dasjenige, was Naturbeschreibung ist, dann kann man Wissenschaft hervorrufen aus dem Künstlerischen.

Read this passage in another edition
DEoriginalENEnglish
Raw JSON: /v1/steiner/de/ga/334/1920-03-18/p020.json
Cite: GA 334/1920-03-18/p020 · edition original