5. Die geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volksleben
Allerdings muß da darauf Rücksicht genommen werden immer — so sonderbar, so trivial es klingt, es muß gesagt werden -, daß der Mensch Mensch ist. Nicht Rücksicht darauf, daß der Mensch Mensch ist, nimmt die Einrichtung, wie wir sie heute vielfach haben, des sogenannten Stundenplanes. Nichts Unpädagogischeres gibt es, als dem Kinde beizubringen Dreiviertelstunden das, nachher gleich Dreiviertelstunden etwas ganz Entgegengesetztes. Dreiviertelstunden Religion, Dreiviertelstunden Rechnen, Dreiviertelstunden Schreiben und so weiter. Wir suchen in der Waldorfschule alles hervorzuholen aus den Gesetzen, die im Seelisch-Geistigen des Kindes sich selber aussprechen. Da ist allerdings nötig, daß man irgend etwas, zum Beispiel Rechnen, durch drei, vier, fünf bis sechs Wochen einzig und allein treibt, ohne Stundenplan, und erst wenn man ein bestimmtes Pensum aufgearbeitet hat, geht man zu etwas anderem über. Das wird Konzentration des Unterrichtes. Es kann dann am Ende des Schuljahres durch Wiederholungen alles, was in Betracht kommt, zusammengefaßt werden. Aber der Stundenplan, der ist eigentlich der Feind jeder wirklichen Erziehungskunst.
Cite:
GA 334/1920-03-18/p021 · edition original