{"corpus":"steiner","locus":"GA 334/1920-03-18/p027","lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"text":"Und gerade dadurch, daß die Erkenntnis auf der einen Seite so abstrakt geworden ist, ist der Wille abhängig geworden von den bloßen Emotionen, von den bloßen persönlichen Instinkten, wie ich heute auch ausgeführt habe. Dadurch, daß Geisteswissenschaft herausschafft ihre Inhalte aus dem gedankengetragenen Willen, dadurch ist das, was sie dem Menschen geben kann, die Grundlage für weitergehende Interessen, als sie das bloß persönliche Fühlen, . der bloß persönliche Egoismus geben kann. Was ist denn zum Schluß in den letzten drei bis vier Jahrhunderten im sozialen Leben das Ausschlaggebende geworden? Das Ausschlaggebende ist der Egoismus geworden. Wenn man sich nicht erheben kann durch die Erkenntnis, [Lücke] zu dem Menschlichen, wenn das Menschliche uns nicht durchdringen kann, dann können wir im sozialen Leben nur den Egoismus geltend machen. In dem Augenblicke aber, wo wir das Geistesleben in seiner Selbständigkeit haben, und dadurch jene Selbständigkeit begründen können in der Erziehungskunst, die ich heute skizziert habe, und in dem Augenblick, wo wir unser Wollen von Ideen durchdringen, können wir in unserem Wirtschaftsleben den Weg finden von Mensch zu Mensch, können aus den Berufsständen, können aus dem Zusammenfügen von Konsumenten und Produzenten Assoziationen bilden, können bilden eine Wirtschaftsstruktur im sozialen Organismus, die aufgebaut ist gerade auf demjenigen, was ein Mensch vom anderen lernen kann, was ein Mensch vom anderen erfahren kann. Lebensroutine wird sich verwandeln dadurch in Lebenspraxis. Je innerlicher man betrachtet das Menschenleben, je mehr man auf das Menschenleben selbst hinsieht, desto mehr drängt sich aus jeder Ecke die Notwendigkeit der Dreigliederung des sozialen Organismus heraus. Und wie auf der einen Seite das Wirtschaftsleben befruchtet wird durch ein von Ideen durchdrungenem Wollen, auf der anderen Seite das Geistesleben [Lücke], so wird dasjenige, was zwischen Mensch zu Mensch sich abspielt - in der heutigen Zeit spielt es sich eigentlich nur als Konvention ab, und zwar so sehr, daß man Konvention auch will in Form des Völkerbundes zwischen den Völkern -, zum lebendigen Elemente im staatlichen Rechtsleben, das als ein selbständiges Glied im dreigliedrigen sozialen Organismus den anderen selbständigen Gliedern, dem selbständigen Geistesleben, dem selbständigen Wirtschaftsleben gegenüberstehen soll. Aber Sie sehen zugleich gerade an dem Beispiel der Erziehungskunst, wie in das Volksleben, in das soziale Leben hereingreift die Geisteswissenschaft, wie diese Geisteswissenschaft es sein muß, auf deren Grundlagen aufgebaut werden muß die Struktur des dreigliedrigen sozialen Organismus. Oh, zu was allem ist man gekommen in der neuesten Zeit unter dem Einflusse der zwei geschilderten Seelenelemente! Da haben wir auf der einen Seite das, ich möchte sagen, über alle menschliche Individualität hinausgreifende abstrakte Denken, das gleich ist bei allen Menschen, die es zu der Fähigkeit dieses logisch abstrakten intellektualistischen Denkens gebracht haben. Weil das gleich ist, deshalb ist auch notwendig, daß dasjenige, was der Mensch doch nicht als abstrakter Mensch erlangen kann, was er erwerben will in der sozialen Gemeinschaft, daß sich das auf das Untermenschliche, auf die bloßen Instinkte, auf die egoistischen Instinkte aufbaut. Und so sehen wir, wie in der Zeit des Darwinismus, wo man bemerkt hat im Tierreiche den allerdings auch da nur eingeschränkt geltenden Kampf ums Dasein, wie es gekommen ist, daß Naturforscher Sozialpolitiker, Sozialwissenschafter werden wollten, und nun auch im Menschenleben den Kampf ums Dasein statuieren wollten als das Selbstverständliche. Ja, es ist sogar wahr, daß der Kampf ums Dasein im Menschenleben wüten würde, wenn nur die Instinkte des Egoismus im sozialen Leben tätig sein könnten. Und [diesen Kampf ums Dasein wollen] auch Lenin und Trotzki statuieren; sie werden nur den Egoismus organisieren. Das weiß jeder, der das Menschenleben heute durchschauen kann. Alles übrige wird eine Maske sein. Wir sehen schon heute die innere Unwahrheit des Leninismus, der den Leuten goldene Berge verspricht, kurze Arbeitszeit, und jetzt bereits dabei angekommen ist, zwölfstündige Arbeitszeit zu statuieren, weil sich das als eine Notwendigkeit herausstellt innerhalb des Mechanismus, den man da einführen will.","text_trust":"verbatim","quote_safe":true,"title":"5. Die geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volksleben","site_heading":null,"date":"1920-03-18","location":null,"word_count":628,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/334/1920-03-18/p027","alignment_confidence":null,"alignment_reason":null,"two_voice_volume":false,"translation_credit":null,"edition_coverage":{"de":["original"],"en":["English"]},"available_versions":[{"lang":"de","edition":"original","edition_basis":null,"is_original":true,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/de/ga/334/1920-03-18/p027"},{"lang":"en","edition":"English","edition_basis":null,"is_original":false,"is_default_edition":true,"url":"https://anthroposophy.ai/v1/steiner/en/ga/334/1920-03-18/p027","paragraph_aligned":true}],"record":{"record_type":"unknown","scope":"volume","note":"How this text was taken down (shorthand transcript, listeners' notes or manuscript) is not on record here. 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