5. Die geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volksleben
Dasjenige, was der Welt entgegengehalten wird als der Impuls der Dreigliederung des sozialen Organismus, es ist aus dem vollen Leben herausgegriffen. Es zeigt aber auch, daß dieses volle Leben heute fordert eine Durchdringung mit dem, was lebendig in Geistesschau ergriffen werden kann. Diese Geistesschau ist dem Menschen notwendig. Und ehe man nicht erkannt, daß der Mensch nicht ein bloßes Naturwesen ist, ehedem wird man nicht zu einer Lösung der heute so drängenden sozialen Probleme kommen können. Vor Jahren, als der theoretische Materialismus in seiner Blüte stand, da haben sich die Leute ereifert, die schon durchschauen konnten, daß dieser theoretische Materialismus auch zum praktischen Materialismus führen müsse, sie haben sich ereifert gegen diesen Materialismus. Aber man kann doch nicht umhin zu sagen, daß schließlich die Menschen, die theoretische Materialisten geworden sind, wie Haeckel und ähnliche, nicht auch gescheite Menschen gewesen sind. Man steht da der eigentümlichen Erscheinung gegenüber, daß wahrhaft helle Köpfe Materialisten geworden sind. Warum? Sie sind Materialisten geworden, weil das Denken, das sich im Laufe der letzten drei bis vier Jahrhunderte als das abstrakte Denken entwickelt hat - gerade für den Geistesforscher wird das klar —, materialistisch erklärt werden muß. Dasjenige Denken, das die Naturwissenschaft groß macht, das ist an das Werkzeug des Gehirns, an das Werkzeug des menschlichen Leibes gebunden. Das Denken hört mit dem Tode auf. Allein wenn wir den Willen hineingießen in unsere Gedankenoperationen, wenn wir uns nicht nur leiten lassen von Naturbeobachtung und Experiment, wenn wir das Denken durchgießen mit demjenigen, was aus dem Willen aufsteigt, dann ergibt sich etwas, was leibfrei werden kann, was wirklich seelisch-geistig Ist. Der Materialismus hatte recht für dasjenige Denken, das gerade in den letzten drei bis vier Jahrhunderten groß geworden und auf seinen Höhepunkt gekommen ist in die Gegenwart herein. Das muß man materialistisch erklären. Daher sind die gescheitesten Menschen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Materialisten geworden, weil ihnen schließlich nur vorlag das große Rätsel: Wie ist es mit dem gewöhnlichen Denken, das gerade in der Naturwissenschaft zu solcher Höhe kommt? Das muß materialistisch erklärt werden. Der Materialismus auf seine Art ist in vollem Recht, und keiner kann im Sinne anthroposophisch orientierter Geisteswissenschaft Spiritualist sein, der nicht weiß, daß der Materialismus auf seinem eingeschränkten Gebiete sein Recht hat. Wer nun die Frage stellt: Entweder Materialismus oder Spiritualismus? — der ist auf dem Holzwege. Denn der Materialismus hat sein Gebiet, und man muß sich klar darüber sein, daß der Mensch, will er das Seelisch-Geistige retten, auch über das Denken hinauskommen muß, auf das er heute so stolz ist. Und ebenso wird niemals eine wirkliche soziale wünschenswerte Ordnung eintreten können, wenn der Mensch nur aus den gewöhnlichen egoistischen Emotionen heraus diese sozialen Ordnungen begründen will, denn die können nur den Kampf ums Dasein begründen, nicht einen Leninschen sozialen Traum. Eine wirkliche soziale Ordnung kann der Mensch nur begründen, wenn er das Geistig-Seelische, wie es heute geschildert ist, und wie es angeregt in ihm wird durch jene Weltanschauung, die aus der Geistesschau kommt, in dieses soziale Leben hineingießt. Dann wird der Mensch erkennen und durch das Leben bewahrheiten können, was Goethe vorschwebte, als er seinen Blick richtete auf das Wesen des Menschen und sich fragte: Wie steht eigentlich der Mensch zur Natur? — Goethe sagte sich: Wenn wir alles das überblicken, von den wunderbaren Sternen oben bis zu all dem, was sich in den verschiedenen Reichen darbietet als Natur um uns herum, müssen wir den Menschen anschauen, gegenüberstehend dieser Natur, wie er diese Natur in sich aufnimmt, wie er sie umformt, wie er sie als etwas Neues in sich schaffend erstehen läßt, eine höhere Natur durch den Menschen im Menschen schaffend, eine höhere Natur, die geist-seelisch, seelisch-geistig ist. Das drückt Goethe so schön aus, indem er sagt:
Cite:
GA 334/1920-03-18/p029 · edition original