5. Die geistigen Kräfte in der Erziehungskunst und im Volksleben

GA 334/1920-03-18/p036 ·1920-03-18 · original (original)
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Was ich über den Lehrplan gesagt habe, das ist das, daß er auf Konzentration hinarbeiten sollte. Ich habe nicht gesagt, daß keine Abwechslung da sein sollte. Abgesehen davon, daß man ja streiten könnte, ob diese Abwechslung nach drei bis fünf Wochen geschaffen werden soll für das Rechnen, oder ob das besser ist oder das, das ist eine rein didaktische Frage, die sich nicht agitatorisch behandeln läßt, sondern nur sachlich. Aber abgesehen davon: man hat auf Konzentration im Unterricht zu arbeiten, daß man also ein gewisses Pensum so aufzuarbeiten hat, daß einen der Stundenplan dabei nicht geniert, daß man wirklich drei bis sechs Wochen, so lange es notwendig ist, ein Pensum durcharbeitet, ohne durch etwas anderes unterbrochen zu sein. Selbstverständlich wird dabei der Wesenheit des Kindes voll Rechnung getragen. Damit Sie mich nicht mißverstehen, möchte ich Ihnen ausführen, wie es etwa in irgendeiner Klasse der Waldorfschule zugeht. Nehmen wir die fünfte Volksschulklasse. Ich könnte ebensogut die erste anführen. Da beginnt der Unterricht einige Minuten nach acht Uhr morgens. Da wird zunächst in den ersten zwei Stunden eben auf diese Konzentration in dem hingewirkt, was sonst in den gewöhnlichen Schulgegenständen durch den Stundenplan dekonzentriert, ohne alle Konzentration verteilt wird auf kurze Zeit. So daß also in diesen zwei ersten Stunden bis etwa ein paar Minuten nach zehn Uhr in konzentrierter Weise auf das hingearbeitet wird, was man sonst als Inhalt der Schulgegenstände anschaut. So daß also in dieser Zeit, sagen wir, durch eine genügend große Anzahl von Wochen, Rechnen getrieben wird, dann wieder Sprachlehre durch eine Anzahl von Wochen und so weiter. Dann kommt anschließend dasjenige, was eine Konzentratiion dadurch möglich macht, daß man es in einer gewissen Weise treibt; schon bei den kleinsten Kindern wird bei uns fremdsprachlicher Unterricht getrieben, französischer und englischer Unterricht, so daß schon die ersten Klassen fremdsprachlichen Unterricht bekommen. Und es übt einen großen Eindruck aus, wenn man die kleinen Sputze kommen sieht in ihre Stunden und sieht, wie sie tatsächlich mit einer großen Freude Fortschritte in den wenigen Wochen schon gemacht haben im fremdsprachlichen Unterricht. Da wird mit ihnen tatsächlich auf das Gebrauchen der Sprache hin gearbeitet. Also fünf bis sechs Wochen ist es bei der ersten Klasse schon so der Fall; da wird dann bis elf Uhr Französisch, bis zwölf Uhr Englisch getrieben. Dann gehen die Kinder nach Hause. Und an einigen Nachmittagen — die Kinder haben genug frei, das gehört auch zur Abwechslung, daß sie nun wieder hinauskommen -, an einigen Nachmittagen, wenn sie nun wieder kommen, haben sie Gesang, Musik und Eurythmie, beseeltes Turnen, beseelte Bewegungskunst. In dieser beseelten Bewegungskunst haben die Kinder nicht bloß physiologisches Turnen, das auch getrieben wird, sondern durchgeistigte Bewegung. Sie haben gleichsam eine stumme Sprache in der Eurythmie gegeben. In das finden sich die Kinder außerordentlich gut hinein. Und wenn öfter einmal an solchen Tagen, wo die Kinder zu besonderen Festlichkeiten zusammengerufen werden, dann Eurythmieaufführungen sind, dann drängen sich die Kinder dazu, dann sieht man, wie das alles lebt. So daß also davon gar keine Rede sein kann, daß keine Abwechslung sei oder keine Rücksicht auf dasjenige, was der Natur des Kindes entspricht, genommen werde. Wenn nun aber gesagt wird: Wenn es den Kindern zu langweilig wird, muß etwas anderes kommen - ja, meine sehr verehrten Anwesenden, das ist gerade die Aufgabe, daß es niemals den Kindern zu langweilig wird! Die Kinder werden höchstens einmal ungezogen, weil sie irgend etwas sticht, aber aus Langweiligkeit — dafür muß Sorge getragen werden — wollen sie niemals, daß der Unterricht irgendwie aufhöre. Und ich konnte mich schon in dieser kurzen Zeit, da ich ja zweimal durch längere Zeit die Schule besucht habe und den Unterricht eigentlich immer in meiner Hand habe, ich konnte mich überzeugen, wie auf diese Weise tatsächlich Leben in den ganzen Unterricht hineingebracht wird.

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