10. Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Das ist dasjenige, worauf ich in anderen Zusammenhängen auch hier an dieser Stelle schon aufmerksam gemacht habe. Unser Denken besteht darinnen, daß wir im fortlaufenden Zeitprozesse durch unsere eigene innere Aktivität dasjenige vollziehen, wozu das Tier von Anfang an angelegt ist: den Sklerotisierungs-, den Verknöcherungsprozeß, den Todesprozeß, den wir hineintragen in unseren Organismus. Man blickt hin vom Gesichtspunkte des leibfreien Denkens, das man sich durch Meditation angeeignet hat, auf dieses fortwährende Sterben, ohne das das gewöhnliche Denken des Menschen nicht vor sich gehen kann. Und dieses Sterben wird nur fortwährend ausgeglichen dadurch, daß wiederum aus der übrigen Organisation, aus der Blut- und Herz-Organisation, in den zum fortwährenden Sterben neigenden Kopf heraufschießen die belebenden Kräfte. Im Menschen ist, gerade indem er ein Denker ist, ein fortwährender Kampf zwischen Sterben und Leben. Und dasjenige, was am Ende des physischen Lebens auftritt, der einmalige Moment des Sterbens, ist eben nur die synthetische Zusammenfassung desjenigen, was im kleinen immer geschieht. Wir sterben von unserer Sinnes-Nervenorganisation aus fortwährend; nur wird dieses Sterben fortwährend aufgehoben. Erst wenn der übrige Organismus, nicht bloß der Organismus des Kopfes, nicht mehr die Fähigkeit hat, das Sterben aufzuheben, erst dann sterben wir wirklich. Der Tod ist nicht etwas, was eben nur einmal an den Menschen herantritt, der Tod ist ein dauernder Prozeß. Und diesem Tode verdanken wir das Denken. Dadurch, daß wir durch das Denken den Tod in uns eingliedern, dadurch ist erstens dieses Denken überhaupt nur in uns vorhanden, zweitens aber lernen wir erkennen, was das Tote eigentlich substantiell ist.
Cite:
GA 334/1920-05-05/p024 · edition original