10. Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Wenn man sich das leibfreie, durch Meditation herangepflegte Denken ausgebildet hat, so sieht man erstens auf das andere Denken hin, sieht, wie es fortwährend mineralisiert, verknöchert die menschliche Substanz, und man lernt den Mineralisierungsprozeß kennen. Indem man im Menschen ein Mineralisches rein als das Produkt des Denkens, ausfüllend den Menschen, ausfüllend ihn mit dem Toten, kennenlernt, lernt man in sich das Mineralreich kennen. Und indem man das Denken in sich erhebt über den Grad des Todes, in sich selber erweckt, indem man erlebt, daß in uns etwas sterben muß, damit die Gedanken entstehen, indem man dieses erlebt, lernt man erkennen auch das Geheimnis des Weltenalls. Man lernt erkennen, was eigentlich dieses Mineralreich da draußen bedeutet. Dieses Mineralreich der außermenschlichen Welt, man lernt es eben nur dadurch erkennen, daß man das an das Denken gebundene Mineralreich im Menschen selbst erkennt. Die rechte Welterkenntnis wird einem nur durch die intime Menschenerkenntnis. Und indem man sieht, wie etwas erstirbt im Menschen, entgeht man dem Vorurteil, das als das schärtfste, intensivste Vorurteil sich in das 19. Jahrhundert hereingeschlichen hat und geblieben ist bis in unsere Tage; so starrte, möchte ich sagen, unter einer infamen Suggestion befangen, starrte der Mensch hin auf die mineralische Welt mit ihrer Kausalität. Er kannte ja nichts in sich, was ihn die Wesenheit dieser mineralischen Welt kennen gelehrt hätte. Er konnte sich nichts anderes sagen, als: Diese Welt war einstmals Weltennebel, Kant-Laplacescher Urnebel. Daraus ist hervorgegangen das Planetensystem, die Erde; daraus hat sich alles andere entwickelt, und das wird so fortgehen. Dieses Werden, dieses kausale Geschehen, das ist etwas Ewiges; darinnen sind die sittlichen Menschenwerte Blasen, die aufsteigen, noch dazu Blasen, die nur aus Illusionen bestehen. Lernt man erkennen dieses mineralische Reich, indem man es in sich selber erkennen lernt, dann lernt man seine Wesenheit in der äußeren Welt durchschauen. Man sieht in sich, wie das mineralische Reich ein fortwährendes Sterben ist. Und man konstruiert nicht mehr in der alten Weise das äußere Weltbild, sondern man weiß jetzt, wie dieses äußere Weltbild eigentlich konstruiert ist unter dem Vorurteil von Wissenschaft. Sehr geistvoll ist es konstruiert, darauf haben wir schon aufmerksam gemacht: Man könnte ja durch fünf Jahre die Veränderung des menschlichen Herzens verfolgen und man würde finden, daß heute das menschliche Herz etwas anderes ist als vor fünf Jahren. Man könnte dann weiter verfolgen, wie es nach weiteren fünf Jahren ist, könnte dann ausrechnen, wie es nach dreihundert Jahren ist, es ist nur nicht mehr da, aber die Ausrechnung kann sehr starksinnig und richtig sein. So rechnen die Geologen, so rechnen die Astronomen, wie es ausschauen würde auf dieser Erde nach Jahrmillionen. Diese Erde ist nur dann ebenso wenig da, wie der Mensch als physischer Mensch nach dreihundert Jahren noch da ist. Und ebensowenig, wie das menschliche Herz vor dreihundert Jahren da war, ebensowenig war die Erde zu der Zeit da, wofür die Geologen ihre Rechnung anstellen!
Cite:
GA 334/1920-05-05/p025 · edition original