10. Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)

GA 334/1920-05-05/p030 ·1920-05-05 · original (original)
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Und dann bekommt man erst einen wahren Einblick in die Menschenwelt. Dann bekommt man einen solchen Einblick in diese Menschenwelt, daß man sich sagt: Der Mensch ist es ja, der herausgewachsen ist über all diese Reiche, weil er gewissermaßen so, wie das pflanzliche Reich das mineralische, das tierische Reich das pflanzliche abgesondert hat, so hat der Mensch wiederum das Tier aus sich herausgesondert; er ist älter als das tierische Reich und dauert länger als das tierische Reich. Zuerst geht das Mineralische zugrunde, dann das Pflanzliche, dann das Tierische. Dann wird dasjenige vom Menschen da sein, das man kennenlernte, indem man hinschaute auf dasjenige, was sich aus dem Tode des Mineralischen erhob, was sich erhob auf dem Tode des Pflanzlichen, auf dem Tode des Tierischen, wenn die übrigen drei Reiche verschwunden sein werden. -— Was wird sich dann erheben aus unserer Erde, aus unserem Erdendasein? Derjenige, der den Menschen kennenlernt, lernt das schon jetzt erkennen. Er sieht, wie das Denken, wie die Gedanken - und die sittlichen Ideale sind Gedanken -, wie die sich erheben aus dem Grabe des verknöchernden Teiles des Organismus in uns; so wird einstmals nur dasjenige da sein, was der Mensch hervorgebracht hat. Es wird sich, wenn verschwunden sein wird dasjenige, was im mineralischen Reich, was im pflanzlichen Reich, was im tierischen Reich ist, es wird sich das hervorheben aus allem diesem Untergegangenen, was gerade der Mensch hervorgezogen hat aus Überwindung des toten Mineralreiches, aus der Überwindung des Pflanzenreiches, aus der Überwindung des Tierreiches. Und wir werden darauf hingewiesen, daß dasjenige, was wir heute als sittliche Ideale ausbilden, in unseren keimhaften Gedanken weltbildend sein wird, wenn alles dasjenige verschwunden sein wird, was im heutigen mineralischen, pflanzlichen, tierischen Reich enthalten ist. Wir stellen uns zur Welt nunmehr so, wie wir uns stellen müssen, wenn wir im Bilde die Pflanze anschauen: Da wächst sie herauf, bildet Blatt für Blatt; dann ist aber schon veranlagt der kleine Keim, der dann zur neuen Pflanze wird. Das alte Laub blättert von der Pflanze ab; die Blütenblätter, all das hat keine Bedeutung für den weiteren Fortgang. Wir stehen in der Welt als Mensch darinnen. Wir sehen, wie dasjenige in uns schon jetzt geschieht, was einmal Erdenprozeß sein wird. Wir sehen, wie in uns ein Mineralreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein Pflanzenreich sich bildet, weil wir denken, wie in uns ein Tierreich sich bildet, weil wir denken. Über all dieses triumphiert dasjenige, was sich in uns als Denken, Fühlen und Wollen ausbildet. Damit ist der Keim gegeben. Wir müssen nur die Möglichkeit haben zu wissen, daß dasjenige, aus dem dieser Keim sich entwickelt, abfällt, wie die Blütenblätter, die Stengelblätter abfallen, daß das eben den Keim einer neuen Welt ergibt.

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Cite: GA 334/1920-05-05/p030 · edition original