10. Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Sehen Sie, Geisteswissenschaft hat allerdings die Aufgabe, die Anmaßungen, wenn ich so sagen darf, der naturwissenschaftlichen Weltanschauung zu brechen. Denn Geisteswissenschaft sieht klar und deutlich ein: Ja, es ist so, entweder man lehnt diese naturwissenschaftliche Weltanschauung - nicht die Naturwissenschaft mit ihren gesicherten Resultaten selbstverständlich —, man lehnt diese naturwissenschaftliche Anschauung ab, oder aber man muß den sittlichen Menschenwert ablehnen. Nur weil heute die Menschen so unkonsequent und erhaben sind, sehen sie nicht ein, daß sie sich entschließen müssen, um den sittlichen Menschenwert zu retten, zu einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung zu greifen. Die Menschheit sieht es nicht ein, weil sie diejenige Weltanschauung, die heute bloß auf Naturanschauung baut, behalten will. Dann aber müßte sie so sprechen, wie einstmals Mathilde Reichardt dem Moleschott, dem materialistischen Naturforscher geschrieben hat: «Darum muß ich es noch einmal aussprechen: Auch der zum Dieb gewordene Mensch brachte das Recht mit sich, seine Natur zu vollenden und sie allseitig zu machen, und kann auf diese Weise nur eine kraftvolle, eine sittliche Natur sein. Und wie der Dieb, so jeder Lasterhafte, auch der zum Mörder Gewordene. Dieser kann zur Vollendung seiner Menschheit nur gelangen, indem er seine Mordlust befriedigt.» Entweder man spricht so, und gibt damit der Naturwissenschaft als Weltanschauung ihr Recht, spricht ihr jeden sittlichen Menschenwert ab, oder man greift zur Geisteswissenschaft.
Cite:
GA 334/1920-05-05/p034 · edition original