10. Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)
Es gibt noch ein Drittes. Man sagt: Alle Weltanschauung ist mir gleichgültig, ich will lieber das Weltendasein in instinktartiger Weise verschlafen. Gewiß, dieses Dritte ist auch möglich. Viele Menschen tun es heute. Wer ernstlich mit sich selbst und mit seinem Verhältnis zur Welt ins klare kommen will, kann nur den einen der bezeichneten Wege gehen. So liegen heute die Dinge. Diese Entscheidung ist da. Die Naturwissenschaft hat sich zur Weltanschauung ausgewachsen. Man predigt nicht theoretisch, so wie Mathilde Reichardt und der Kulturhistoriker Hellwald und andere getan haben, daß der Dieb, daß der Mörder zum vollen Menschen nur werden kann, wenn er sich auslebt, weil in ihm die Naturkausalität in genau derselben Weise wirtschaftet wie in dem sogenannten ehrlichen Menschen. Man predigt das nicht theoretisch. Aber dasjenige, was in dieser Gesinnung lebt, das geht durch Europa. Es hat die letzten fünf bis sechs Jahre erzeugt. Es wird weiter wirken. Europa wird barbarisiert; oder Europa muß einsehen, daß es keine Weltanschauung auf der Grundlage der Naturwissenschaft allein aufbauen kann.
Cite:
GA 334/1920-05-05/p035 · edition original