10. Seelenwesen und sittlicher Menschenwert im Lichte der Geisteswissenschaft (Anthroposophie)

GA 334/1920-05-05/p038 ·1920-05-05 · original (original)
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Heute ist es notwendig, daß man sich mit dem, was Geisteswissenschaft entzündet im Menschen, dem Mysterium von Golgatha, den Geheimnissen des Christentums nähert. Denn heute muß das Chri stentum geistig verstanden werden. Sehen wir bei den Materialisten nach: Geradeso, wie sie den sittlichen Menschenwert, wenn sie konsequent sind, ableugnen, so muß ihnen das Christentum ein Unding sein. Auf dem Standpunkte der alten traditionellen Bekenntnisse können die Menschen nicht bleiben, denn, sehen Sie einmal nach bei den Vertretern, sagen wir zum Beispiel der katholischen Kirche, da sehen Sie, wenn diese Vertreter gerade Wissenschafter werden, wie sie die allermaterialistischste Wissenschaft pflegen! Sie können nachsehen bei denjenigen, die als katholische Priester Wissenschafter werden: Sie wollen nicht den Geist in die Wissenschaft hineintragen. Sie wollen gerade die Wissenschaft bewahrt wissen vor dem Hineintragen des Geistes, denn sie wollen die alten traditionellen Formen im Geiste weiterbewahren. Sie fürchten sich vor der neuen Entdeckung geistiger Substantialität, sie flüchten davor. Davon ist auch nichts zu holen. — Und sehen wir bei den protestantischen Formen der Christentums-Interpretation nach, da sehen wir, wie mächtig auf diese protestantische neuere Theologie die naturwissenschaftliche Weltanschauung drückt: Sie können nicht in dasjenige, was in der Welt geschieht, das Ereignis von Golgatha einreihen! Deshalb sagen sie, man müsse den Christus Jesus bloß auffassen hinsichtlich seiner moralischen Qualitäten, hinsichtlich desjenigen, was er als Ethos hereingebracht hat. — Aber dann steht wiederum dieses Ethos vollständig in der Luft, wenn man es nicht verankert in einer geisteswissenschaftlichen Weltanschauung.

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